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Dada, Schulhoff und Comedian Harmonists

Ensemble Six und Carus Ensemble Dresden im Alten Schlachthof

Am Sonnabend erwischte ich mich im Supermarkt zwischen Obsttheke und Konserven mit einem Lied auf den Lippen – Zeichen dafür, dass das Konzert am Vorabend seine Spuren hinterlassen hatte. Mit der „schönen Isabella aus Kastilien“, die zwecks Rückkehr zum Geliebten ihre Utensilien packen soll, ließ sich der Wochenendeinkauf angenehm bewältigen. Verantwortlich für den Wochenendohrwurm zeichnete das „Ensemble Six“, das als Gast neben dem Carus-Ensemble Dresden den zweiten Abend der Reihe „Philharmoniker anders“ im Schlachthof bestritt. Zwischen Comedian Harmonists und Schulhoff sollte sich ein musikalisches Wechselspiel ergeben. Hier lag aber eine wesentliche Problematik der Dramaturgie. Das Wechselspiel ergab sich zwar, aber es entstand lediglich ein merkwürdiges Nebeneinander zweier musikalischer Welten, die sich allenfalls im Tanzrhythmus der 20er einige Male trafen. Es ist kein leichtes Unterfangen Dada, Schulhoff und Comedian Harmonists in einen Konzertabend zu gießen, es blieben auf allen Ebenen Defizite, denn: für einen Dada-Abend war die Darbietung viel zu zahm; allein der Werkkatalog von Schulhoff bietet noch viel mehr Möglichkeiten, ein zumindest historisch korrekteres Bild von Dada oder eben der 20er Jahre am Beispiel dieses Komponisten zu zeichnen. Weder die hart an der Grenze zum Fiktiven geschriebenen Klavierstücke noch die „Sonata Erotica“ fanden ihren Platz im Programm. Das über den Abend zerstückelte „Divertissement“ für Oboe, Klarinette und Fagott wurde zwar vom Carus-Ensemble musikalisch einwandfrei und vital dargeboten, hätte aber in seiner Bravheit auch in einen „normalen“ Kammermusikabend gepasst. Frecher war da schon die „Bassnachtigall“, überzeugend von Thomas Eberhardt am Kontrafagott musiziert. Karsten Lehl vom Ensemble Six führte durch den Abend, im gesprochenen Epilog der „Bassnachtigall“ wurde aber das Dilemma deutlich: der Dada-Abend geriet zur reinen Dokumentation, Schulhoffs Biografie wurde fast schulmeisterlich abgespult, Jazz und Frauen mussten als Themenüberleitung zu den Comedian-Harmonists-Songs herhalten. Diese allerdings wurden meisterlich dargeboten, das Ensemble Six verfügt nicht nur über reine Intonation und klare Tonansprache, sondern auch (nicht verwunderlich nach dreizehn Jahren Ensemblearbeit) über ein charakteristisches, vor allem von den leisen Tönen geprägtes Klangbild. So purzelten die Songs nicht heraus, sondern entwickelten sich sensibel über den Text und den Rhythmus. Michael Reuter am Klavier hatte mit enorm subtiler, sanft unterstützender Begleitung großen Anteil an diesem Erfolg. Und doch: selbst der Arp-Zyklus „Die Wolkenpumpe“ war zwar ein interessantes Beispiel für Dada-Vertonungen der 20er-Jahre, doch so handzahm wird es in Berlin und Prag damals wohl kaum zugegangen sein. Heutzutage amüsiert man sich im Publikum aus der Distanz der Zeit über die Werke der damaligen Provokateure und nippt zufrieden am Rotwein. Irgendwie schade.

Veröffentlicht in Rezensionen

4 Kommentare

  1. Oh! Wie mich das freut, daß Dir meine Freunde gefallen haben! 😉 Schön!

    • oh? du kennst die? – hab nur gelesen, dass der eine oder andere von denen in Krefeld/Düsseldorf lebt 🙂 Jupps, die waren richtig gut.

    • Ja, die sind alle aus Düsseldorf und Umgebung. Karsten Lehl ist auch Flötist, hat zu meiner Zeit hier Konzertexamen gemacht. Und Holger Müller ist der Gitarrist, mit dem ich manchmal spiele. 🙂 Habe die Truppe aber lange nicht gehört. Leider. Früher waren die die „Mundharmoniker“ und traten öfter in der Hochschule auf. Haben übrigens auch eine ganz nette Homepage (die allerdings mal aktuallisiert werden dürfte- vor allem mit Hörproben: http://www.ensemblesix.de/).

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