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„Hoffentlich nie ein Endpunkt“

Überbrückung von Zeit und Raum
Reiko Füting ist 1. Preisträger des Kompositionswettbewerbes des Dresdner Kammerchores

Am 31.10. findet in der Semperoper das Preisträgerkonzert des Internationalen Kompositionswettbewerbes des Dresdner Kammerchores statt. Für das Ensemble ist es eine freudige Überraschung (denn die Jury tagte mit 70 eingereichten, anonymisierten Partituren), dass mit Reiko Füting nicht nur ein in Dresden ausgebildeter Komponist, sondern auch ein ehemaliges Chormitglied den 1. Preis erhält. Füting studierte an der Dresdner Musikhochschule Komposition bei Manfred Weiss und Jörg Herchet sowie Klavier bei Winfried Apel, bevor er in Houston/USA seinen „Master of Music“ machte. Seit 1997 lehrt er an der Manhattan School of Music in New York, an welcher er seit 2005 eine Professur für Musiktheorie und Komposition hat.

Alexander Keuk sprach mit Reiko Füting über sein neues Werk:

Was war der Grund für Sie, sich bei diesem Kompositionswettbewerb zu beteiligen? War der Bezug zu den Jubiläen des Chores und der Stadt Dresden wichtig?

Der Bezug zum Jubiläum des Chores sowohl der Stadt war mir sehr wichtig. Meine Zeit in Dresden war eine sehr eindrucksvolle für mich, zurückschauened würde ich sagen, dass ich dort „erwachsen“ geworden bin.Das verdanke ich meinen Lehrern, hauptsächlich Jörg Herchet und Winfried Apel, aber auch meiner Zeit im Dresdner Kammerchor unter der Leitung von Hans-Christoph Rademann und der Stadt Dresden an sich.

Sie kennen den Dresdner Kammerchor als ehemaliges Mitglied gut. Ist das Stück dem Chor auf „den Leib“ geschrieben? Wenn ja, inwiefern?

Ich verfolge auch von hier die Entwicklung des Chores, soweit es mir möglich ist. Ich denke schon, das Stück dem Chor „auf den Leib“ geschrieben zu haben; zum einen bewusst, zum Beispiel durch die konstante Unterteilung der Stimmgruppen und der Verwendung eines Solistenquintetts (der Dresdner Kammerchor besteht aus hervorragenden Sängern), zum anderen intuitiv.

Ihre Komposition ist eine der wenigen der eingereichten überhaupt, die sich auf eine konkrete, traditionelle Musikvorlage bezieht. Wie sind Sie auf diese Idee gekommen?

Die Idee, mit einer traditionellen Vorlage zu arbeiten, entstand während des ersten Jahres meines Studiums hier in den USA, sicherlich als Ausdruck einer intensiven Suche nach Identität. Zum anderen interessiert mich die Überbrückung von Zeit und Raum, was sicher unter anderem ein Ausdruck meiner zwei Lebensmittelpunkte, New York und Berlin, ist.

Spielt Vokalmusik in Ihrem Schaffen auch sonst eine besondere Rolle? Wenn ja, inwieweit bieten außermusikalische Texte, Literatur eine Anregung?

Vokalmusik spielt eine recht große Rolle in meinem Schaffen. Vor dem Studium in Dresden habe ich als Schüler der Spezialklassen für Musik im Rundfunk-Jugendchor Wernigerode gesungen; eine für mich sehr prägende Zeit. Während meines Klavierstudiums habe ich mich viel mit Liedbegleitung beschäftigt, und vor meiner Rückkehr auch Vokale Korrepetition an der Musikhochschule in Rostock unterrichtet.

Das Lied „Ach weh, deß Leiden“ von Hans Leo Hassler bekommt durch die folgende, neue Komposition einen zeitgenössischen Rahmen. Ist es eine „komponierte Interpretation“, eine Betrachtung? Oder wie würden Sie die Beziehung beider Stücke beschreiben?

Ich würde mein Stück nicht als „komponierte Interpretation“ betrachten, es ist trotz der Gegenüberstellung autonom. Mein Ausgangspunkt zielte auf Ebenen, die subtiler sind, wie zum Beispiel die antiphonale Anlage der Hasslerschen Komposition. Es ist wie das archtitektonische Nebeneinander zwei Gebäude aus unterschiedlichen Zeiten und deren Bezüge zueinander. Wahrscheinlich sind die Beziehungen auf der Ebene des Textes am direktesten.

Mit der Textdichterin Kathleen Furthmann, die den Hassler-Text zeitgenössisch „beleuchtet“, arbeiten Sie öfters zusammen?

Kathleen Furthmann hat wie ich die Spezialklassen für Musik in Wernigerode besucht und im Rundfunk-Jugendchor gesungen. Nach dem Studium der Musik und Germanistik arbeitet sie als Lehrerin im Gymnasium in Wismar. Wir haben mittlerweile vier Projekte realisert, und die Zusammenarbeit ist eine sehr schöne, da sie auf offenen Austausch und gegenseitiger Anregung basiert.

Welche Bedeutung hat das Soloquintett im Stück?

Der Gedanke des Soloquintets kommt aus der antiphonalen Anlage der Hasslerschen Komposition. Darüberhinaus entsteht durch seine Einbeziehung eine räumliche Dimension. Diese Gegenüberstellung, die auch im Hasslerschen Text zu finden ist, ist ausserdem in der klanglichen und textlichen Dimension realisiert.

Sie leben seit längerer Zeit in den USA. Ist dies ein Endpunkt? Gab es in Deutschland nicht genug Möglichkeiten zur beruflichen Entfaltung als Komponist? Oder schienen die, die Sie in den USA vorfanden, besonders geeignet?

Hoffentlich kein Endpunkt, hoffentlich nie ein Endpunkt. Es gab hier andere Möglichkeiten. Zudem ist New York eine faszinierende Stadt, mit einer vergleichsweise langen Tradition, die nie zerschnitten wurde. Vielleicht interessiert mich auch das Leben im „Exil“. In die USA bin ich durch das Studium gekommen, das interessanterweise in zwei USA
Reisen mit dem Dresdner Kammerchor seinen Anfang fand. Unsere Unterkunft in New York befindet sich direkt neben der Manhattan School of Music. Als hätte sich eine Kreis geschlossen.

Sie arbeiten nun in der Ausbildung junger Musiker – gibt es Unterschiede in der Entwicklung von Künstlern zwischen den USA und Deutschland, wenn Sie beispielsweise Ihre eigene Ausbildung in Deutschland mit der jetzigen Situation an Hochschulen/Colleges in den USA vergleichen?

Die Ausbildung ist recht anders. Die Gründe sind vielfältig, zum Beispiel die sehr unterschiedliche Stellung klassischer Musik im gesellschaftlichen Leben des Landes (es konzentriert sich im wesentlichen auf die großen Städte), was ein anderes Niveau von jungen Musikstudenten zur Folge hat. Oder auch der Einfluss des Universitätssystems, das akademische Fächer in einer musikalischen Ausbildung anders definiert. An den Eliteeinrichtungen, zu denen sich auch die Manhattan School of Music zählt, ist das Niveau sehr hoch, in spezieller wie auch in allgemeiner Hinsicht.

Welche Rolle spielt Dresden in Ihrem Leben heute noch?

Eine grosse, hauptsächlich durch enge persönliche Bekanntschaften, die auch immer wieder in musikalischen Projekten wie Aufführungen und Konzerten enden. Und ich bin sehr dankbar, dass sich dies mit dem Dresdner Kammerchor nun fortsetzen konnte.


31.10.2006, 11.00 Uhr
Matinee in der Semperoper im Rahmen des 150jährigen Bestehens der Dresdner Musikhochschule
Preisträgerkonzert des Internationalen Kompositionswettbewerbes des Dresdner Kammerchores
Uraufführungen von Reiko Füting, Eunsun Lee, Hauke J. Berheide sowie Werke von Heinrich Schütz und Max Reger
Karten im Vorverkauf der Sächsischen Staatsoper Dresden in der Schinkelwache und an der Tageskasse.

Veröffentlicht in Rezensionen

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