Skip to content →

Bartók mit unglaublicher Dichte

Elsbeth Moser und das Keller-Quartett im Palais

Seit nunmehr 21 Jahren verblüfft das ungarische Keller-Quartett das weltweite Publikum mit Quartettspiel auf allerhöchstem Niveau. Mit gewagten und doch sehr professionell ausgeführten Interpretationen überzeugt das Ensemble ebenso wie mit ausgefallenen und doch immer stimmigen Programmdramaturgien, so auch am Montagabend beim Konzert im Palais im Großen Garten. Dazu hatten sie sich die renommierte Bajan-Spielerin Elsbeth Moser eingeladen und rahmten die vor allem zeitgenössischen Töne der Bajan-Werke mit Musik von Beethoven und Bartók. Eine gerissene Saite des Primarius verhalf dem Publikum zu einem anderthalbfachen Hörgenuss von Ludwig van Beethovens „Großer Fuge“ B-Dur. Das Keller-Quartett genoss den Sprung in Beethovens Kontrapunktwelten mit packendem Zugriff, manchmal sogar in leicht gewalttätige Welten übergehend. Doch schon in den ersten Takten staunte man über das blinde Verständnis der vier Streicher: es sitzt jeder dynamische Schwung, jede rhythmische Verästelung, jede harmonische Fortschreitung, und das Quartett findet sogar noch süßliche Ruhe im Mittelteil der Fuge. Offene Ohren galt es dann für Sofia Gubaidulinas „Silenzio“ zu beweisen, denn hier war am Rande der Stille einiges an zauberhaften Klängen zu entdecken. Elsbeth Moser integrierte sich souverän in das jederzeit über den Stücken stehende Streichduo und der Klang ihres Bajans verschmolz in diesem Stück vortrefflich mit den Streichern. Etwas verloren im Programm standen die kurzatmigen „Fetzen 5“ von Wolfgang Rihm, die zwar einiges an kompositorischer Unruhe zur Schau stellten, aber über eine knorrige Äußerung kaum hinausgingen, da half auch die konzentrierte Interpretation der fünf Musiker wenig. Als deutsche Erstaufführung erklang ein Solowerk für Akkordeon der slowakisch-ungarischen Komponistin Iris Szeghy: „Canticum“ war ein facettenreiches Werk, das sich zwar im Variativen schnell erschöpfte, aber mit einem sanft-feinfühligen Schluss versöhnte. Der Höhepunkt des außergewöhnlichen Konzertes war das kurz vor der Emigration des Komponisten entstandene 6. Streichquartett von Béla Bártok, dass die vier Musiker wahrscheinlich auch ohne Abstriche so unglaublich dicht und klangintensiv spielen würden, wenn man sie nachts wecken würde. Die Spielkultur des Keller-Quartetts verlieh dem nicht gerade eingängigen, an vielen Stellen vor Tragik berstenden Werk fast einen schwebenden Charakter, der zurückführte zu „Utopia“, dem Thema der Musikfestspiele. Wo Musik ist, ist keine Trauer.

Published in Rezensionen

One Comment

  1. Anonymous Anonymous

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.