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Eigenwilliger Brahms

Thomas Zehetmaier und das Kammerorchester Basel in der Frauenkirche

Vor zwei Jahren gastierte das Kammerorchester Basel bereits in der Frauenkirche, unter Leitung von Paul McCreesh brachte es damals ein Mozart-Programm zu Gehör. Beim erneuten Gastspiel am Sonnabend trat das international renommierte Ensemble in großer Besetzung an, und offenbar hatten die beim letzten Gastspiel besetzten Musiker nicht nur bei ihren Kollegen von der Frauenkirche geschwärmt sondern diese auch über die akustischen Verhältnisse in Kenntnis gesetzt, anders ließe sich die unbekümmerte und staunenswerte Spielfreude des nunmehr in spätromantischer Orchesterstärke angetreten Ensembles nicht erklären. Für den erkrankten Paul McCreesh stand Thomas Zehetmaier am Pult, den viele sicherlich zum ersten Mal als Dirigenten erlebt haben dürften. Obwohl der Allround-Musiker schon seit sechs Jahren Chefdirigent der britischen Northern Sinfonia ist, ist er dem Publikum weltweit vor allem als Geiger der Spitzenklasse bekannt. In der Frauenkirche stellte er zunächst eine Rarität vor, die Ouvertüre „Ein feste Burg ist unser Gott“ von Joachim Raff, eines Komponisten, der zumeist im Schatten von Liszt und Brahms stand und wirkte. Der Einsatz für dieses Stück war bemerkenswert und die Interpretation höchst aufmerksam. Allerdings wird diese protestantische Ouvertüre auch heutzutage nicht viel mehr Freunde finden als vor 142 Jahren, dem widerspricht schon die kaum aufregende Themenverarbeitung: der allseits bekannte cantus firmus verschwindet eine Viertelstunde im kontrapunktischen Niemandsland, um dann kurz vor Schluss im bekanntem Gewande wiederaufzutauchen: Coda fortissimo, Applaus. Zur Demonstration der hohen Spielkultur des Kammerorchesters Basel taugte die Ouvertüre allemal. Ganz anders ergeht es der Rezeption der „Rokoko-Variationen“ von Peter Tschaikowsky. Da der russische Komponist sich nicht zu einem „echten“ Cellokonzert hat hinreißen lassen, ist das liebliche Gelegenheitswerk ins Repertoire nahezu aller großen Cellisten eingegangen. Dass eine intelligente Interpretation dieses Werkes die Partitur aber von der ersten bis zur letzten Note spannend machen kann, bewies der holländische Cellist Pieter Wispelwey. Den Begriff Rokoko verstand dieser vor allem als zwingende (nicht gezwungene) Verspieltheit, die derbe und sogar surreal wirkende Töne mit einschloss – in Wispelweys fantastischer Phrasierung glaubte man einem Märchenerzähler zuzuhören und wurde in ferne Welten getragen. Nicht immer gelang dem Kammerorchester eine ebenso zauberhafte Begleitung, auffällig war, dass das Orchester an einigen Stellen schneller auf den Solisten reagierte als Zehetmaier selbst. Diese Unsauberkeit im metrischen Bereich setzte sich im Schlusswerk leider fort. Sicherlich wollte Zehetmaier mit flexiblen Tempi in Johannes Brahms‘ 1. Sinfonie eine interessante Deutung formen, ihm entglitt aber zu oft die rhythmische Struktur des Werkes, die polyphonen Stimmen passten nicht übereinander. Zudem litt das Werk entweder unter Verlangsamung (im doch sehr stückhaft musizierten 2. Satz) oder unter plötzlichen „Rasanti“, die in keiner Weise durch die Partitur gerechtfertigt waren. So verlor die gar nicht sostenuto genommene Einleitung der Sinfonie ihre insistierende Haltung, das Allegro-Thema des 4. Satzes trieb gefährlich voran. Wurde die Musik leise, verlor Zehetmaier an Tempo, baute sich ein Tutti auf, schlingerte sie aus dem Ruder. Sicherlich darf man solch eine Interpretation als eigenwillig betrachten, famos ist dabei aber die konzentrierte Folgsamkeit des Ensembles zu nennen, das zudem mit wunderschönen Horn- und Flötensoli in der Sinfonie glänzte und immer wieder zu differenziertem, klangintensivem Spiel fand.

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