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Dreidimensional durchtobte Klangräume

Schlagzeugkonzert von Sofia Gubaidulina erstaufgeführt

Herrlich, prächtig, wunderbar – mit diesen Worten wird das englische „glorious“ übersetzt. Das Adjektiv erscheint im Titel des neuen Werkes der russischen Komponistin Sofia Gubaidulina, das am Sonnabend bei der Dresdner Philharmonie im Zykluskonzert seine deutsche Erstaufführung erlebte. Doch das Wort zieht noch weitere Kreise: die Solisten des Werkes, fünf zu einer Gruppe neuformierte Percussionisten der Spitzenklasse, haben sich nach dem Konzert benannt. Und schließlich darf man das „glorious“ auch gleich begeistert wiederholen, wenn es um den Eindruck, die Wirkung dieses Stückes geht, das nichts weniger als ein opulent-sinnliches Fest für die Schlaginstrumente darstellt.

Nachdem man jüngst bereits den Gesang und die musikalische Gewalt des von Anne-Sophie Mutter uraufgeführten und eingespielten Violinkonzertes „In Tempus Praesens“ von Sofia Gubaidulina bewundert hat, folgt mit dem im Frühjahr 2008 entstandenen und in Göteborg uraufgeführten Schlagzeugkonzert der nächste Geniestreich der Komponistin. „Gegenwärtig“ ist die Haltung des Violinkonzertes, dort hat man allerdings schon das Gefühl, dass die Musik fremde, düstere wie lichte Sphären betritt, die kaum mehr beschreibbar sind. Doch Gubaidulina nimmt den Hörer auch im neuen Schlagzeugkonzert an die Hand.

Wir folgen ihr in eine karstige Welt, in der Wagner-Tuben und Basstuben Motive intonieren, die eine gigantische Steinwüste ausmalen. Gubaidulina gibt hier ihre strenge Formsprache nicht auf, doch Architektur und Harmonik stehen niemals im Vordergrund, stattdessen entsteht ein Panorama verschiedener Zustände und Entwicklungen, die aufgrund der eingangs vorgestellten Motiv-Basis zwingend erscheinen. So taucht man in einen fast in Dreidimensionalität erlebbaren, durchschrittenen und durchtobten Tonraum ein. Nach einer gefühlten Stunde (in Wirklichkeit dauert das Konzert 35 Minuten) ist man, um ein riesiges Paket an Klang- und Emotionserfahrungen bereichert, aus dem Orchesterwüstenmeer zurückgekehrt, der letzte Höllenschlag des Werkes verklingt ersterbend.

Die Gruppe „Glorious Percussion“ (Anders Loguin, Robyn Schulkowsky, Mika Takehara, Eirik Raude, Anders Haag) läßt einem schier den Atem stocken angesichts ihrer leichthändigen Virtuosität und der fühlbaren Intensität totalen Körpereinsatzes auf Stabspielen, Gongs und Trommeln. Immer entsteht der Eindruck, dass hier nur ein einziges, großes Instrument spielt. Rhythmische Verzahnung, ständiger energetischer Dialog mit dem Orchester und Freiheitserfahrung in den Solopassagen: das Konzert wirkt wie ein bejahender Faustschlag zur Kunst der Gegenwart, zu allen Visionen und Phantasien, die Gubaidulina mit charmanter Vehemenz auslebt und wo beschreibende Wort-Sprache verlieren muss angesichts der starken Wirkung ihrer Klangsprache. In der Interpretation der Dresdner Philharmonie unter der inspirierenden Leitung des Luzerner Orchesterchefs John Axelrod blieben keine Wünsche offen. Der Komponistin, der Gruppe „Glorious Percussion“ und dem Orchester wurde am Ende des Werkes begeistert applaudiert.

Interessant war der Kontrast zu Dmitri Schostakowitschs 5. Sinfonie d-Moll, Opus 47 im zweiten Teil des Konzertes. Auch hier haben wir es mit einem tief bewegenden Werk zu tun, es ist eine Manifestation eines künstlerischen Egos besonderer Art, da zur Entstehungszeit der Fünften der Komponist unter ständiger repressiver Beobachtung der sowjetischen Kulturführung stand. Axelrod nahm das Stück auswendig dirigierend sehr frei und immer flüssig in den Tempi. Harte Zeichnung der Ecksätzen wirkte ebenso überzeugend wie der wunderbar warm und intim musizierte Ruhepunkt im 3. Satz. Obwohl die Sinfonie ungleich erschreckender wirkt, wenn die Tempi extrem genau genommen werden, war die drängende, nervös vorwärtstreibende Deutung von Axelrod ebenso spannend: hier waren buchstäblich Stricke um ein Werk gelegt, deren militaristische Finalbefreiung kaum die Angst verhehlt.

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