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Nuancenreiche Klangkultur

Ludovic Morlot debütiert im 2. Aufführungsabend der Semperoper

Innerhalb der jungen, aufstrebenden Dirigentengeneration gibt es auf aller Welt viele spannende Namen, die man sich merken sollte. Sicherlich erregen solche am meisten Aufmerksamkeit, die ein Orchester und ein Saal sogleich zum Beben bringen. Doch nicht immer siegt die große Pose am Dirigentenpult, denn Konzertbesucher sind Experten und hören sehr genau, welche Interpretationen ein tiefgründiges, reifes Format haben oder ob die Beethoven-Sinfonie lediglich aus dem Ärmel geschüttelt wird. In den Aufführungsabenden der Sächsischen Staatskapelle debütieren regelmäßig junge Dirigenten und nicht selten kehren diese zu Opern- und Konzertaufführungen der Semperoper zurück. Das besondere Glück, die Kapelle dirigieren zu dürfen, bringt daher meist aufregende Interpretationen hervor. Im Programm des 35jähringen, aus Frankreich stammenden Gastes Ludovic Morlot gab es allerdings kein einziges „Reißer“-Stück, das quasi von selbst funktionieren würde. Diese grundsätzliche Entscheidung für die kleinen, zuwendungsbedürftigen Stücke im Konzertrepertoire ließ schon aufhorchen. Da waren zu Beginn Antonín Dvoráks „Legenden“ geboten; drei kleine Piècen, die keinesfalls den Schmiss der Slawischen Tänze erreichen, aber eben beim Hinhören lyrische (und vor allem deutlich böhmische) Schönheiten offenbaren. Die Kapelle hatte mit Morlot keinerlei Probleme, den lyrischen Fluss plastisch zu erzeugen und damit ein besonderes Kleinod zu schaffen. Der Solofagottist der Kapelle, Erik Reike, sorgte dann für einen besonderen Höhepunkt. Dass der Finne Bernhard Crusell, ein Zeitgenosse von Weber und Schubert, sein ausgewachsenes Fagottkonzert lediglich „Concertino“ betitelt, ist angesichts der halsbrecherischen Passagen in allen drei Sätzen arg untertrieben. So erntete Reike mit sattem Ton, sportlich-souveräner Technik und nur „cool“ zu nennender gestalterischer Übersicht nicht nur den großen Applaus des Publikums, sondern auch einen Blumengruß der Fagott-Kollegen. Morlot am Pult schaffte es indes, auch die besonderen Feinheiten des Orchesterparts gut herauszuarbeiten. Nach der Pause ging es französisch weiter und Morlot fühlte sich in der Welt der Impressionisten mit immer lockerem, freundlichen Dirigat durchaus „zu Hause“ angekommen. Ravels bekannte „Pavane pour une infante défunte“ nahm er recht flüssig, aber stets gelassen. Eine fantastische musikalische Reise gelang ihm dann mit Claude Debussys Ballettmusik für Kinder „Die Spielzeugschachtel“. Vergeblich suchte man die Tänzer aus dem imaginären Stummfilm, der vor dem geistigen Auge ablief. Bildhaft formte Morlot mit der Kapelle die einzelnen Begegnungen von Holzsoldaten und Hampelmännern. Die in kleiner Besetzung angetretene Staatskapelle musizierte hinreißend mit einer nuancenreichen Piano-Kultur und viel Gespür fürs Gemeinsame. Ludovic Morlot überraschte in diesem Konzert nicht nur mit Entdeckerqualitäten, sondern vor allem mit Sinn für natürlichen Melodiefluss und einer hervorragend herausgearbeiteten Klangkultur.

Interview mit Ludovic Morlot (frz)

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