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Irrwitzig und atmosphärisch

Multipercussionist Martin Grubinger gastiert im 6. Zykluskonzert

Spätromantisch satter Orchesterklang in möglichst spektakulärer Besetzung füllt zumeist die Konzerthäuser problemlos. Das Programm ist meist ähnlich: Die Moderne an den Anfang verbannt, das Solistenkonzert virtuos, die Sinfonie bekannt und beliebt. Mit Einladung des Dirigenten Dennis Russell Davies (dessen Einspielung der 9. Sinfonie von Alfred Schnittke mit der Dresdner Philharmonie übrigens gerade erschienen ist) und des Multipercussionisten Martin Grubinger zum 6. Zyklus-Konzert der Dresdner Philharmonie lösten sich derartige Nicht-Dramaturgien in Luft auf, denn Davies umklammerte mit zwei gar nicht zum „Reißer“ bestimmten sinfonischen Werken ein Schlagzeugkonzert, das ebenfalls weit entfernt vom in diesem Genre üblichen phonstarken Ausreizen des Instrumentenarsenals (in Musikerkreisen gerne „Schießbude“ genannt) lag. Die sinfonische Außenklammer war schon aufgrund der Nachbarschaft der Werke spannend: auf dem Höhepunkt seines Schaffens befand sich Joseph Haydn zur Zeit der Komposition seiner zwölf „Londoner Sinfonien“, wovon die 102. Sinfonie B-Dur ein recht gefälliges, zuweilen heiteres Exemplar darstellt. Anders Ludwig van Beethoven, dessen sinfonisches Schaffen um 1800 die ersten, vorsichtigen Schritte in Richtung Neuland wagte. Die 2. Sinfonie D-Dur atmet noch stark den Hauch der klassischen Väter. Es war aufregend, Gemeinsames und Divergierendes von Temperament und Stil der beiden Komponisten hörend zu erleben. Dafür hatte Davies die Dresdner Philharmonie gut vorbereitet. Frisch und deutlich war der Beethoven-Klang, überraschend unspektakulär formte Davies beispielsweise die langsame Einleitung zum 1. Satz. Immer wieder fiel im Verlaufe der Sinfonie die sorgfältige Behandlung der Vorhalte, instrumentaler Besonderheiten und der Binnendynamik positiv auf. Diese mit Leichtigkeit vorgetragene Intensität überzeugte: Davies schaffte mit knapper Zeichengebung und fließend-flinken, aber nie grenzüberschreitenden Tempi eine tolle Darstellung der Sinfonie, bei der jeglicher legitimer Deutungswille im Einklang mit der Partitur stand. Die überzeugende Wirkung stellte sich am Ende des Konzertes in der Haydn-Sinfonie nicht mehr in gleicher Weise ein. Möglich, dass den Philharmonikern der etwas „schwerere“ Beethoven-Klang mehr liegt als Haydns hier fast wie auf Zehenspitzen formulierte Sinfonik. Aber diesem sinfonischen Bonmot am Ende war auch ein sensationelles Erlebnis vorausgegangen, dem schwerlich noch etwas folgen konnte. Der junge österreichische Schlagzeuger Martin Grubinger, derzeit „Artist in Residence“ im Gewandhaus Leipzig, gastierte mit einem Schlagzeugkonzert des Norwegers Rolf Wallin. Dessen zum Mozart-Jahr 2006 entstandene, „Das war schön!“ betitelte Betrachtung von Vogelstimmen und Mozart-Aspekten machte durchaus Spaß, denn Wallin verband die fünf Sätze zu einem atmosphärischen Gesamtwerk, bei dem das Schlagzeug völlig im Vordergrund steht und auf extreme Klangwirkungen bei völliger Reduktion der Instrumente (Vibraphon, Marimba, Crotales) setzt. Martin Grubinger bewältigte das komplexe Werk mit einer nur irre zu nennenden Sensibilität. Am Ende des 2. Satzes entstiegen seiner Marimba nach einem schier endlosen Decrescendo feine Klangnebel, bis die Schlägel schließlich auf dem Instrument vollends ruhten. Virtuos und immer auf den musikalischen Atem gesetzt waren die Ecksätze; die Philharmonie beteiligte sich konzentriert am zumeist impressionistisch anmutenden Klangspiel. Dennoch führte die Essenz dieser Messiaen-Mozart-Spielerei nicht in wirklich intensiv zu nennende Regionen: Pulsationen und Klangwolken bleiben als anmutig-schönes Klangerlebnis im Raum stehen. Die getrommelte Zugabe Grubingers löste dann wahre Beifallsstürme aus – was der Schlagzeuger da an Virtuosität, Artistik und Spielfreude aufbot (weder Auge noch Ohr konnte diesem irrwitzigen Tempo folgen), machte sprachlos und glücklich zugleich.

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