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Innovation Haydn

Neue Konzertreihe „Spiegelungen“ von Sinfonietta Dresden

Mit großer Vorfreude erwarteten viele Musikfreunde den Start der neuen Konzertreihe „Spiegelungen“ der Sinfonietta Dresden, denn das über mehrere Jahre währende Projekt des Orchesters mit der Aufführung aller Mozartschen Klavierkonzerte darf sich im Nachklang als Erfolgsstory rühmen und hat dem Orchester und manchem Solisten viele Fans beschert. Sinfonietta Dresden zeigt in ihren eigenen Konzertreihen eine intelligente, moderne und zuweilen frech-kreative Programmdramaturgie. Keinesfalls ist das jedem in der freien Musikszene agierenden Ensemble zu eigen, denn der hehre Anspruch wird meist von natürlichen technischen oder finanziellen Hindernissen begrenzt. Sinfonietta Dresden wagt nun jedoch erneut den Sprung ins Neuland und kann sich vor allem der Partnerschaft von „Klangnetz Dresden“ sicher sein, einem Projekt, das ja derzeit in Dresden musikalische Innovationen großzügig fördert. Und so steht nun für mehrere Konzerte der 2009-Jubilar Joseph Haydn auf dem Programm. Moment, Innovation? Und dann Haydn? Richtig gehört. Denn Sinfonietta Dresden setzt Haydn in Beziehung zur Gegenwart, gleich zwei Uraufführungen erklangen im ersten Konzertabend. Noch dazu dürfte man die „Neue-Musik-Förderung“ in dem Fall augenzwinkernd gleich auf Haydn ausdehnen, denn was allein in der vorgestellten Sinfonie Nr. 101, D-Dur „Die Uhr“ an Bonmots, kompositorischen Kniffen und philosophisch-zeitgenössischem Hintergrund steckt, ist aller Moderne wert. Dass man nach dem Konzert am Sonnabend in der Dreikönigskirche derart plastische Eindrücke im Ohr und im Sinn behält, ist der vitalen Spielfrische zu verdanken, mit dem das Orchester zu Werke ging. Dirigent Ekkehard Klemm gab deutliche Hinweise, um der Partitur Haydns Kontur und Kontrast zu verleihen, auf diese Weise gerieten die Ecksätze fast „beethovenesk“ und dem reifen Haydn stand eine Dramatik zu Gesichte, die in den Mittelsätzen durch fast weise klingende Gelassenheit wieder aufgelöst wurde. Die Zeit war das Hauptthema dieser Sinfonie, die sinnigerweise im Konzert in Einzelsätzen erklang: Betrachtung eines Uhrwerkes, dazu gab es Reflektionen literarischer Art. Thomas Stecher las vorzüglich aus Alan Lightmans skurrilen Zeit-Geschichten „Einsteins Dreams“. Gleich ob dort Uhren stehenblieben, Zeit und Leben rückwärts verliefen oder ein schweizerischer Weltuntergang zelebriert wurde – die „Spiegelungen“ traten sofort bei den ersten Tönen der dann folgenden Musikstücke auf und man konnte sich vielfach hinhörend auf das große Thema einlassen. Auch die beiden Uraufführungen bereicherten, wenngleich „Insomnio“ des britisch-albanischen Komponisten Thomas Simaku die Zeit-Thematik nicht vorrangig behandelte. Hier spiegelte sich eher eine dichte literarische Prosa, stellten sich fein entwickelte Klangflächen und Entwicklungen ein. Karsten Gundermann schließlich brachte eine „Quantenzeit“ als Uraufführung mit, ein faszinierend flirrendes Werk aus unterschiedlichen Bewegungsschichten. Das Stück hätte sich gerne länger entfalten können, um konsequentes Zeit-Hören zu ermöglichen und Zeit-Fragen zu stellen. Schön, wie die Haydn-Sinfonie dann am Ende dem ganzen Konzert einen positiv gestimmten Grundbogen verlieh – so darf es gerne weitergehen.

Nächstes „Spiegelungen“-Konzert: 8.11.2009, Dreikönigskirche Dresden

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