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Novembereske Lied-Romantik

Vesselina Kasarova im Liederabend der Semperoper

Sie hat mit Rossini Welterfolge gefeiert, singt Mozart glasklar und Händel voller Glut. 2008 gab sie ihr Debut als Carmen und zwischen Massenet, Rossini und Händel wechseln ihre derzeitigen Engagements. In Dresden hat sie eine treue Schar von Verehrern, allerdings hätte man Vesselina Kasarova ein rappelvolles Haus zu ihrem Liederabend gewünscht, denn gerade im Semperbau gestaltete die Ausnahme-Sängerin schon einige unvergessliche Opern- und Liederabende. Nicht wirklich erklären kann ich mir auch den recht spärlichen Applaus nach dem 1. Teil ihres Programmes, denn was die bulgarische Mezzosopranistin aus scheinbar hinlänglich bekanntem Liedgut von Johannes Brahms und Robert Schumann machte, war eine Demonstration von Authentizität, Charakter und technischer Brillanz. Wer bei der Kasarova allerdings den Diven-Glanz suchte, die extrovertierte Rampen-Sau gar, der war völlig fehl am Platze. Vesselina Kasarova modelliert, sie sucht einen bestimmten Klang für jede noch so feine Ausdrucksnuance der Lieder. Sehnsucht ist nicht gleich Sehnsucht und ein Verlassen-Werden hat immer eine andere Färbung von Trauer und Endgültigkeit. In der Zeichnung dieser Emotionen sind Brahms und Schumann ungeschlagene Meister und Vesselina Kasarova spürte den Stimmungen mit jeder gesungenen Note nach. Charles Spencer verbreitete am Flügel Vertrauen und Mitgefühl mit einer Anschlagskultur, deren Nuancenreichtum selbst Solo-Pianisten kaum in solch voller Palette entfalten würden. Jeder Einstieg bereitete perfekt die ganze Szenerie vor, jedes Nachspiel wurde zu einem kleinen Gedankenwunder. Novemberesk gelangen Schumanns „Arme Peter“-Gesänge, wie überhaupt der ganze erste Teil von Herbstlaub und Abschieds-Witterung überwuchert zu sein schien. Da war Brahms‘ „grüne Liebe“ gerade mal ein aus einem Guss geformter kurzer Lichtblick. Den stetigen Wechsel zwischen innigster Ausformung und offen herausfahrender Dramatik meisterte Kasarova mühelos. Der „Lerchengesang“ von Brahms war das intimste Beispiel einer vorsichtigen Zurückgezogenheit. „Von ewiger Liebe“ steigerte sich nach langsamem Beginn in immer neuen Wogen bis zum unumkehrbaren Bekenntnis des Mädchens: „Unsere Liebe muss ewig bestehen“. Nach der Pause gab es einen Weltenwandel im Programm und auch in den Interpretationen. Mit der Hinwendung zum russischen Kunstlied betrat die Sängerin völlig andere Gefilde, die sie stimmlich mit mehr Schmelz und damit auch natürlicher Flexibilität in Tempo und Dynamik anging. Hier war weniger die durchaus klassisch „deutsche“ Überlegung und bewusste Formung gefragt. Stattdessen beobachtete man freudig, wie sie von Lied zu Lied immer mehr in die großen Bögen hineinsank, sich auch einmal vom schützenden Flügel entfernte und in Peter Tschaikowskys „Ob heller Tag“ tosende Leidenschaft entfaltete. All diese Lieder gelangen ihr mit hingebungsvoller Ehrlichkeit, die in den Bann zog. Auch Sergej Rachmaninows Lieder waren wunderbare Entdeckungen, endgültig verfallen durfte man ihrer Stimme natürlich in den zwei bulgarischen Volkslied-Zugaben. Damit war sie zu Hause angekommen und jeden ihrer Zuhörer lud sie wie einen persönlichen Gast ein. Diese Erlebnisse sind selten geworden in der schnellen, lauten Musikwelt.

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