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Disparater Eindruck

„Global Ear“ wirft ein Licht auf Musik der Gegenwart in Russland

Die russische Musik steht bei den Dresdner Musikfestspielen in diesem Jahr im Vordergrund. Damit auch für jeden etwas dabei ist, schöpft man aus allen Genres und aus mehreren Jahrhunderten Musikgeschichte. Ziemlich am Rande des Festivals steht dabei die zeitgenössische Musik. Dass die meisten Musikfestspielkonzerte sich modern wähnen, wenn ein Werk von Schostakowitsch oder Strawinsky eingewebt ist, erscheint ebenso seltsam, wie das fast zufällige Auftauchen zweier winziger Theatermusiken für Akkordeon von Alfred Schnittke im „Global Ear“-Konzert am Mittwochabend. Hätte einem der wichtigsten zeitgenössischen russischen Komponisten nicht mehr Aufmerksamkeit bei einem „Russlandia“-Festival gebührt? Andere musikalische Entwicklungen, etwa der russische Futurismus oder das Komponieren neben und nach Schostakowitsch fanden im Festival leider ebensowenig Beachtung. Am Abend des Konzertes im Societaetstheater fand auch noch parallel die Erstaufführung des Mansurian-Cellokonzertes statt, wahrlich keine glückliche Terminierung zweier Neue-Musik-Ereignisse. Dennoch: das Global Ear-Konzert, veranstaltet in Verbindung mit dem KlangNetz Dresden, lockte Publikum an und zumindest drei russische Komponisten der Gegenwart lernte man im Konzert mit dem Hochschul-Ensemble „El Perro Andaluz“ unter Leitung von Lennart Dohms näher kennen: Olga Rayeva und Sergej Newski leben allerdings schon in Berlin – ihre musikalische Sprache ist nicht von einer geografischen Grenze oder Kultur beengt. Rayevas „Autumn street’s relief“ bleibt verstörend, da sie dem Zuhörer einen (Zitat Programmheft) „kontrollierten epileptischen Anfall“ als Komposition zumutet und darüberhinaus weder durch ihre Musik noch durch einführende Worte einen Zugang ermöglichen will. Das kaum durchdringbare Dickicht der komplexen Partitur bot selbst einem erfahrenen Hörer kein Angebot zum Nachvollzug. Anders Newski in „Blindenalphabet“ – das kleine Ensemble schnurrte in einer Meta-Sprache, die sensibel wie mit dünnem Bleistift gezeichnet war. Hier verbarg sich ein Stück hinter der Musik, das es hörend zu ertasten galt: spannend! Vladimir Tarnopolski schließlich ist einer der bekanntesten Vertreter aktueller Musik aus Russland. Sein Ensemblewerk „Eindruck-Ausdruck“, das von energetischen Blöcken und Schnitten lebt, wurde insgesamt gut gespielt, wenngleich man sich von den Impulsen und der Balance her eine noch homogenere Fassung vorstellen kann. Mit Musik auf dem Akkordeon, gespielt vom Duo Ruslan und Elena Krachkovski, wurde versucht, eine Verbindung zur Folklore zu schaffen, letztlich standen aber beide Ebenen isoliert. Wie sich dann die überlange, kaum mehr als eine Material-Studie zu begreifende Komposition „Influenzas“ des Chinesen Bowen Liu in dieses Programm geschlichen hatte, bleibt unerklärlich. Zerschnittenes, Unfertiges und Disparates stand in diesem Konzert nebeneinander und betonte einen Werkstattcharakter, der ins Offene wies.

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