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Massiv und langsam

„Die Schöpfung“ im 8. Philharmonischen Konzert

Im Gegensatz zu den ernsten Ereignissen des Kirchenjahres, die in der Musik von vielerlei Passionen und Kantaten begleitet werden, bildet die alttestamentarische Schöpfungsgeschichte reichlich Anlass zur Ergötzung eines Publikums, erst recht wenn Biblisches und Profanes eine so unterhaltsame Ehe eingehen wie in Joseph Haydns Schöpfungs-Oratorium. Doch der blumige Text von Gottfried van Swieten und Haydns farbige Partitur funktionieren heutzutage nicht von selbst, hier ist reichlich Interpretenlust gefragt, um eine spannende Aufführung zu formen. Im 8. Philharmonischen Konzert am Sonntagabend im Kulturpalast blieb diese Spiellust fast komplett den Solisten vorbehalten, denn erschreckend inspirationslos war die Führung, die Chefdirigent Rafael Frühbeck de Burgos seinem Orchester und den Philharmonischen Chören (großer Chor und Jugendchor) angedieh. Die Entscheidung für 120 Choristen und 50 Streicher hätte einiges an Arbeit hervorrufen müssen, um den Klang zu entschlacken. Das genaue Gegenteil war der Fall: dick und breit wälzte sich das Oratorium über mehr als zwei Stunden dahin – solche Aufführungspraxis wähnt man eigentlich als längst vergangen. Bereits die „Vorstellung des Chaos“, ein Geniestreich Haydnscher Kompositionskunst, versank in der Mittelmäßigkeit: der erste Einsatz war zu weich und zu kurz, um Aufmerksamkeit zu erreigen. Danach war vieles zerdehnt und diffus, erst der sichere erste Choreinsatz versöhnte. Die Ausdehnung der Tempi hätte im weiteren Verlauf nur Sinn gemacht, wenn sich Frühbeck de Burgos interpretatorisch dem Orchester intensiv gewidmet hätte, doch er reduzierte den Klangkörper auf ein reines Begleitinstrument, das dann aufgrund von Orientierungslosigkeit in den Details auch nicht mehr homogen klang. Weder in den (von Haydn sensationell komponierten) Rezitativen mit eigentlich überaus bildhafter Vorstellung von Natur, Tieren und Menschen noch in den durchweg zu langsam musizierten Arien und Chören stellte sich Freude ein, obwohl alle Musiker aufrichtig bei der Sache waren. Frappierendes Beispiel der Ignoranz der Haydnschen Ereignisse war das Orchestervorspiel zu „Nun scheint in vollem Glanze der Himmel“, das abgedeckt und dumpf genau das Gegenteil vom gesungenen Text ergab. Matthias Geißler und Jürgen Becker hatten die Philharmonischen Chöre auf dieses Konzert sicher vorbereitet, doch in den langsamen Tempi war kaum Schlankheit und zielgerichtete Federung der Musik erreichbar. Dennoch überzeugte die gute Textdeklamation und trotz Massierung der Kräfte waches und schnelles Reagieren. An der Bühnenrampe zeigte ein wackeres Solistentrio, wie fantastisch Haydn mit Engagement klingen kann: Florian Boesch (Bass) überzeugte mit intensiver, keinesfalls übertriebener Gestaltung und einer sehr wandlungsfähigen Stimme. Markus Schäfer (Tenor) hätte bei der völligen Beherrschung der Partie ruhig mehr fließendes Legato zeigen können. Die junge Amerikanerin Robin Johannsen (Sopran) war ebenso eine Bereicherung dieser Aufführung – mit ihrer stilsicheren und schlanken Stimmführung gab sie dem Oratorium die nötige Fröhlichkeit und Frische zurück.

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