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Höchst empfindsam

7. Kammerabend mit Gästen aus dem Gewandhausorchester

Die acht Kammermusikabende der Sächsischen Staatskapelle sind immer gespickt mit musikalischen Kostbarkeiten. So war es auch im 7. Konzert der Saison, obwohl diesmal kein einziger Kapellmusiker auf der Bühne saß. Der Grund: es ist eine schöne Tradition, dass ein Abend von Gastmusikern aus dem Gewandhausorchester Leipzig gestaltet wird. Dabei soll weniger der Vergleich der beiden Orchester im Vordergrund stehen als vielmehr die Bereicherung durch das Kennenlernen der „Gleichgesinnten“ und ihrer Interpretationen. Wer die Kammerabende kennt, weiß, dass hier ohnehin nie sorglos eine Pièce „hingelegt“ wird, sondern der eigene Anspruch der Musiker groß ist.

So hatten sich auch die Gewandhausmusiker, die im Streichsextett im Semperbau antraten, ein gewichtiges Programm zurechtgelegt und dies überzeugte sowohl dramaturgisch als auch interpretatorisch. Zunächst gab es eine Entdeckung: Wieso denn hat man kaum von Wilhelm Berger (1861-1911) Kenntnis genommen, Vorgänger von Max Reger als Hofkapellmeister in Meiningen? Dabei geben sich seine Werke höchst kunstvoll auf der Höhe der Zeit. Oft scheint man einen Mahlerschen Ton herauszuhören, blitzt feine Ironie oder harmonisch Verschlungenes auf, Fugati waren ohnehin à la mode. Kaum aber wiederholt sich Berger, die Themeneinfälle sind hervorragend verarbeitet und niemals flach. Solches zu merken war natürlich das Verdienst der guten Interpretation durch das Quintett des Gewandhauses, das sich gleich homogen zusammenfand und mit überlegter, klangintensiver Formung gefiel.

Die Pause war in diesem Konzert auch eine dramaturgische Zäsur, denn wo Berger noch auf Brahms‘ Pfaden wandelte, entwickelte Alexander von Zemlinsky eine vor allem harmonisch stark erweiterte Musik. Die Affinität zu Dichtern wie Richard Dehmel brachte eine höchst empfindsame, psychologisierende Partitur zu Tage: „Maiblumen blühten überall“ für Sopran und Streichsextett ist ein kurzes, aber sehr prägnantes Zeugnis dieser Zeit zwischen romantischer Verklärung, Naturalismus und Vorahnung, das die aus dem Leipziger Opernensemble stammende Sopranistin Viktorija Kaminskaite mit warm strömender Stimme darbot, im Rücken ein starkes Streicherensemble, das stützte, aber durchaus auch eigene Bilderwelten anbot.

Fast schon folgerichtig klang das Konzert mit Arnold Schönbergs Streichsextett „Verklärte Nacht“ aus. Die Streicher Andreas Seidel, Karl-Heinrich Niebuhr, Dorothea Hemken, Alice Mura, Christian Giger und Matthias Schreiber verschmolzen intensiv zu einem einzigen Klangkörper mit hervorragender Agogik und atmendem Spiel, das nur im zweiten Teil dynamisch noch feinnerviger vorstellbar war. Ein wunderbar ausgehörter Schluss war der Nachklang dieses Musikerlebnisses, das stimmig die Kammermusikatmosphäre der vorletzten Jahrhundertwende auf hohem Niveau nachzeichnete.

Published in Rezensionen

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