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Unvergessen

Sächsische Staatskapelle erinnert an Giuseppe Sinopoli

Gedenken und Erinnern muss nicht immer zwingend mit Trauer und Bedrücktheit einhergehen – Erinnerung hält einen verstorbenen Menschen lebendig und man umgibt sich gerne mit dem, was ihn ausgemacht hat. Einig waren sich alle Beteiligten und die Sächsische Staatskapelle Dresden als Veranstalter des Benefizkonzertes zum 10. Todestag von Giuseppe Sinopoli, das am Gründonnerstag in der Lukaskirche stattfand, in dem Willen, eben diese Lebendigkeit der künstlerischen Persönlichkeit in den Vordergrund zu stellen. Wort und Musik füllten dieses – von MDR Figaro live übertragene – Gedenkkonzert an den großen, am 20. April 2001 während einer Aida-Aufführung in Berlin verstorbenen Maestro und Chefdirigenten der Sächsischen Staatskapelle auf eine würdige Weise.

Sinopolis Familie und zahlreiche Weggefährten vor allem aus der Dresdner Zeit wohnten dem Konzert bei, dessen Erlös der nunmehr in „Giuseppe-Sinopoli-Akademie“ umbenannten Orchesterakademie der Staatskapelle zugute kommt, die 1993 auf Initiative Sinopolis gegründet wurde und praxisnah hervorragende Nachwuchsmusiker im Orchester ausbildet. Der künftige Chefdirigent der Staatskapelle, Christian Thielemann übernahm die Leitung dieses Erinnerungskonzertes; er selbst arbeitete schon 1980 an der Deutschen Oper Berlin mit Sinopoli bei dessem umjubeltem Debut mit Verdis „Macbeth“ zusammen.

Orchesterdirektor Jan Nast und Kapellmusiker Frank Other berichteten über den umfassend gebildeten, mehrere Wissenschaften parallel studierenden Künstler. Ihre Worte umrahmten die Aufführung der „Klangfarben“ für Streichquintett des Komponisten Sinopoli: vier ausdrucksstarke Miniaturen fundamentiert auf strenger struktureller Basis. Eine Ansprache des ehemaligen Klassik-Chefs der Deutschen Grammophon Ewald Markl rückte vor allem Sinopolis umfangreiche Tonträger-Produktionen in den Fokus, zumal man sich in der Lukaskirche – seit den 60er-Jahren Studio unzähliger DDR-Klassikschallplattenaufnahmen – an dem Ort befand, wo Sinopoli 1987 bei einer Aufnahme der 4. Sinfonie von Anton Bruckner erstmals mit der Kapelle zusammenarbeitete. Leider verlor sich Markl in wortreichen Beschreibungen der Produktionen und ließ zudem Feinfühligkeit in seinem kaum den Dirigenten treffend würdigenden Beitrag vermissen.

Christian Thielemann folgte dann aber mit einer musikalischen Glanzleistung. Zwar kann man die Streicher der Kapelle nachts anrufen und sich die „Metamorphosen“ von Richard Strauss vorsingen lassen, so sehr haben sie nach vielen Aufführungen gerade auch unter Sinopolis Leitung dieses Werk verinnerlicht. Doch die Kunst besteht aus dem Miteinander der 23 Solostreicher und Thielemann schaffte es kongenial, Führung und Freiheit in seinem Dirigat zu einem unaufhörlichen Spannungsfluß der Musik zu verbinden – Trauer war nicht das Motto dieser Interpretation, sondern eine konstruktive, fast positiv schimmernde Art von Wandlung. So waren die Themen hier auch nicht als filmmusikalische Seufzer geformt, sondern als Mittel zum Zweck einer höheren musikalischen Ebene, die viel weiter ging.

Einen fast ähnlichen Ansatz wählte Thielemann auch für Robert Schumanns 1. Sinfonie B-Dur, der „Frühlingssinfonie“, das letzte Werk, das Sinopoli in einem Kapellkonzert dirigierte. Thielemann arbeitete starke Kontraste in dem oft als romantischem Schmuckstück unterschätzten Stück heraus und brillierte mit einem fast verhalten genommenen Scherzo und einer rasanten Stretta im Finale. Am Ende vereinten sich in diesem Konzert auf wundersame Weise Erinnerung, Gegenwart und Zukunft in der Musik – dem Philosophen Sinopoli hätte diese Einheit der fließenden Zeit gefallen – er bleibt unvergessen.

Published in Rezensionen

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