Skip to content →

Übungen im Flächenbrand

Johannes Maria Staud stellt sich als Capell-Compositeur vor

Der aktuelle Capell-Compositeur der Sächsischen Staatskapelle ist der österreichische Komponist Johannes Maria Staud (geb. 1974), dessen Orchesterwerk „Tondo“ im nächsten Sinfoniekonzert am 1. Mai uraufgeführt wird. Staud unterhielt sich mit Alexander Keuk über seine neuen Werke, die er in Dresden vorstellt.

Wie fühlt man sich als Capell-Compositeur der Sächsischen Staatskapelle?
Der Ruf kam ja schon vor einigen Jahren, noch zu Luisis Zeiten und ich bin sehr glücklich darüber, denn bei dieser Residenz hat man als Komponist die Chance sich in verschiedenen Besetzungen zu artikulieren. Man ist nicht ausschließlich mit Neue-Musik-Spezialisten konfrontiert, sondern mit Musikern, die eine eigene Klang-Geschichte mitbringen.

Wie haben Sie sich dem Orchester und dem Kompositionsauftrag genähert?
Ich habe mehrere Konzerte der Staatskapelle auf Gastspielen in Wien gehört. Mich interessierte dieser spezielle, runde, sehr balancierte Klang des Orchesters, insbesondere für das Repertoire der deutschen Romantik. Dabei bleibt es aber nicht stehen, und der „Capell-Compositeur“ beweist, dass man hier nach vorne schaut, es ist lebendige Musikgeschichte, die eben nicht museal ist. Es ist also eine absolute Freude für mich, für dieses Orchester zu komponieren.

Schreiben heutige Komponisten noch gerne für den Apparat „Orchester“?
Das Komponieren für Orchester beschäftigt mich schon seit sehr langer Zeit und es ist und bleibt interessant für mich. Es ist ein Klischee, dass man heute sagt, für Orchester schreiben ist anachronistisch. Egal was ich als Komponist mache, ich stehe immer in einer Tradition. Für die Staatskapelle zu schreiben, heißt für einen Klangkörper schreiben, der auf einem unglaublich hohen Perfektionsgrad agiert und viele individuelle Stärken mitbringt.

Denkt man da auch an sein Publikum?
Ich denke nicht an das Publikum, ich denke an die Musik, die ich schreiben will und muss. „Das Publikum“ existiert ja so gar nicht, das ist eine Vielzahl von Individuen mit unterschiedlichen Geschmäckern.

Gab es eine Grundidee für „Tondo“, ihr neues Orchesterwerk?
Die Grundidee war ein „warmer Klang“, den es auch so in Dresden gibt: Hörner, Klarinetten, hohe Celli – vielleicht stand da die eher lichte, positive Frühromantik ein wenig Pate – Weber wäre ein gutes Beispiel, Mendelssohn wäre ebenfalls ein Beispiel dieser kultivierten Romantik – ich habe dann mein Stück um einen Hörnerklang gruppiert, sozusagen um diese Mitte herumgeschrieben. Außerdem ist die Form ebenfalls rund: „Tondo“ heißt rund, das Stück ist kreisrund und es ist so komponiert, dass es entweder endet oder dass es von vorne beginnt – man spielt, so lange es einen freut.

Wie fließen diese Bezüge zur Romantik in ihr Stück ein?
Nein, das muss dann wieder weg. Diese Musik ist mir natürlich ästhetisch sehr fern. Sie inspiriert mich, und ich höre diese Musik gerne, aber ich zitiere sie nicht, ich bin auch kein Neoklassizist. Interessant finde ich diese Aussage des „deutschen Klangideals“, man vergisst dabei leicht, wie kosmopolitisch ja schon Mozart war – Musik, wenn sie interessant sein will, verkriecht sich nicht in ein völlig banalisiertes Bild von kultureller Tradition, das funktioniert nicht.

Was bringen Sie außerdem Neues nach Dresden mit, es gibt ja an der Hochschule eine ganze Projektwoche mit Ihnen?
Neben „Tondo“ gibt es das Monodram, das im Juni uraufgeführt wird, außerdem ein Fagott-Solostück für Joachim Hans, das im Kammerabend vorgestellt wird und mehrere Stücke an der Hochschule. Ich bin glücklich, dass ich für das Monodram den großen Schauspieler Bruno Ganz als Sprecher bekommen habe – das Stück heißt „Riss durch den Tag“ mit einem sehr persönlichen Text von Durs Grünbein, es geht um das Leben in den Städten nach den großen Katastrophen, über den Umgang mit der Geschichte, Entmündigung des Bürgers, Flucht in schnelle Vergnügungen, Zerstreuungskultur – Durs legt politisch den Finger in die Wunde, es ist keine Oper, eher ein Zwitterwesen, ein Monolog mit Musik.

Erfindet sich der Komponist Staud mit jedem Stück neu?
Ja, man hat natürlich seinen Stil, ich schreibe Kammermusik nicht anders als für Orchester und ich will ich mich auch nicht wiederholen. Das Fagott-Solostück – das ist eine Tour de Force, ich gehe da bewusst an Grenzen, erforsche die Virtuosität des Fagottes – Joachim Hans stürzt sich mit Feuereifer hinein. „Celluloid“, der Titel des Stückes hat eine stoffliche Komponente, ich denke da sofort an eine alte Filmrolle, das Fagott ist kein „Digitalfilm“ in diesem Sinn. Celluloid brennt auch sehr gut – und vielleicht ist mein Stück eine kleine Übung im Flächenbrand….

Kann man Komponieren lernen? Oder was lernt man da heutzutage im Meer der vielen künstlerischen Handschriften?
Was man erlernen kann, und das ist nicht zu unterschätzen und auch wieder eine ganz aktuelle, wichtige Sache, das ist das Handwerk. Die Wiederentdeckung eines gut gemachten Dinges, das kann man erlernen. Handwerk einsetzen, um neue Klänge für sich authentisch zu schreiben, Handwerk nicht als Ballast, sondern damit etwas neues zu machen. Ein Instrument wurde ja ursprünglich auch gebaut um schön zu klingen, aber damit hört es ja nicht auf, die Spieltechniken wurden ja ständig erweitert – gerade das Fagott wurde ja noch einmal im 20. Jahrhundert richtig modernisiert, so bleibt das lebendig.

—-

Konzerte mit Johannes Maria Staud
siehe auch http://www.staatskapelle-dresden.de/konzertsaison/capell-compositeur

10. Sinfoniekonzert der Sächsischen Staatskapelle
„Tondo“, Preludio für Orchester (UA), Dirigent Christoph Eschenbach
1.5.11, 11 Uhr / 2.5.11 20 Uhr / 3.5.11 20 Uhr

Hochschule für Musik
4.5.11 Symposium 15-18 Uhr, Porträtkonzert 19.30 Uhr

Konzert in der Gläsernen Manufaktur
„Riss durch den Tag“ – Monodram (UA)
Bruno Ganz, Sprecher / Asher Fisch, Dirigent
4.6.11, 20 Uhr / 5.6.11, 11 Uhr

8. Kammerabend der Staatskapelle
„Celluloid“ für Fagott Solo
7.6.11, 20 Uhr

Published in Rezensionen

Comments

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.