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Ganz ohne Winnetou

3. Zykluskonzert der Dresdner Philharmonie mit Weill, Korngold und Bartók

Na endlich! – Der Ausruf lag einem auf den Lippen, als man im Saisonprogramm der Dresdner Philharmonie auf den Namen Carolin Widmann stieß. Sie gehört zu den wohl charismatischsten Geigerinnen der jüngeren Generation in Deutschland und brilliert nicht nur mit ihrem technischen Können, sondern auch mit einer alles Neue in der Violinliteratur aufsaugenden Neugier, die sich kurz darauf in atemberaubenden Interpretationen niederschlägt. Ihre große Offenheit und nunmehr jahrelange Erfahrung mit zeitgenössischer Musik erweitert auch die Perspektive für die Klassiker.

Für ihr Dresden-Debut wählte sie das spätromantische Violinkonzert D-Dur von Erich Wolfgang Korngold aus. Das süffige Stück ist normalerweise prädestiniert dazu, das Publikum zwischen aus der eigenen Schublade geklauten Filmmusik, mindestens acht Dutzend unaufgelösten Vorhalten in den Hauptthemen und rasantem Sport auf vier Saiten hart an die Grenze des Ertragbaren zu führen. Doch Carolin Widmanns Interpretation geriet zur Lehrstunde und berührte den Hörer durch eine unbändige Kraftentfaltung, deren Tiefe erreicht wurde durch die mit jedem Ton ausgedrückte Überzeugung, die dahinterstand. Vergeblich suchte man im 3. Satz Winnetou samt Pferd auf sonnendurchflutetem Hang erscheinen, dafür gibt es genügend Geiger auf dieser Welt, die für das Anwerfen solch imaginärer Kitschmaschinerien zuständig sind. Widmanns Augenmerk galt vor allem der hochentwickelten technischen Seite des Werkes, das ja für Jascha Heifetz geschrieben wurde. Neben ordentlich Feuer in den Ecksätzen war ihre Deutung des 2. Satzes als permanente, von großem Ton durchdrungene Beruhigung eine Glanzleistung. Die Dresdner Philharmonie hatte einige Schwierigkeiten, den rasanten Tempi der Solistin zu folgen, das gelang selbst mit konzentrierter Hilfe des – auch hier ein Debut bei der Philharmonie – amerikanischen Gastdirigenten James Gaffigan nicht immer reibungslos. Trotzdem war man sehr erfreut über einen vor allem durchlässigen, manchmal indes aufgrund der durchgehaltenen Konzentration zu spannungsarmen Orchesterklang.

Dabei hatte man sich ja locker eingespielt: Kurt Weills Suite aus der „Dreigroschenoper“ war ein schöner Ausflug in einen heutzutage kaum mehr auf der Orchesterbühne gepflegten Musikstil. Und zweifelsohne kann das Ergebnis nur sein: Philharmoniker spielen Weill, dies gelingt mit ganzem Können und Anspruch, aber eben auch in diesem Arrangement von Max Schönherr mit einer gewissen Trockenheit, die Weills Komposition eben genau mittig zwischen Broadway und Konzertsaal verortet.

Hatte das Zykluskonzert mit Liebe und Verbrechen (Weill) sowie Leidenschaft und Tod (Carolin Widmann hatte Korngolds hingebungsvollen Melodielinien eine packende Ysaye-Zugabe inklusive „Dies Irae“ folgen lassen) schon den thematischen Faden treffend aufgenommen, war nach der Pause die Geschichte des „Wunderbaren Mandarins“ als Märchen von der Erlösung durch Liebe fast folgerichtig. Wenngleich Béla Bartóks Musik denkbar weit entfernt von Korngold und Weill ist, stellt sie doch gerade in diesem Kontext ein wichtiges Dokument der Musiklandschaft des ersten Drittel des 20. Jahrhunderts dar. Zur Zeit der Uraufführung 1926 Skandale im Publikum erzeugend, hat sich der „Mandarin“ schon lange zum Bravourstück großer Orchester gemausert und ist in seiner bestechenden Farbigkeit der Instrumentation unwiderstehlich.

James Gaffigan setzte auf eine pointierte Klarheit der Interpretation. Das tat dem Stück sehr gut, denn so erhielt es eine rhythmische Struktur; die Harmonik wurde offengelegt und Zielpunkte deutlich definiert. Da die Tanzpantomime gleichzeitig auch ein ineinander verschränktes Klarinetten- und Posaunenkonzert darstellt, gebührte den beiden fabelhaft aufspielenden Instrumentengruppen großer Sonderapplaus. Mit der stets spannend gehaltenen Ausführung der reich ornamentierten Partitur gelang den Philharmonikern hier eine bestechend gute Interpretation eines sehr anspruchsvollen Werkes.

Published in Rezensionen

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