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Musik als Geschenk

Almut Rößler spielte Olivier Messiaen in der Kreuzkirche Dresden

Sie ist die Grande Dame der Orgelmusik in Deutschland und ihre Verdienste insbesondere für die Musik des 20. Jahrhunderts sind immens: als Organistin, Kantorin, Professorin ist die in Düsseldorf lebende Organistin Almut Rößler eine Instanz. Anlässlich eines Konzertes innerhalb der Reihe „Dresdner Orgelzyklus“ stattete sie nun der Kreuzkirche in Dresden einen Besuch ab und die Zuhörer konnten im Konzert wie auch im Einführungsvortrag wertvolle Einblicke in die Erfahrung dieser Musikerin gewinnen, die auch mit 79 noch für die Orgelmusik der Gegenwart brennt und diese höchst lebendig, aber auch stets mit dem hohen Anspruch einer dem Komponisten würdigen Interpretation zu vermitteln weiß.

Dem französischen Komponisten Olivier Messiaen, dem sie in Freundschaft verbunden war, dessen Werke sie ur- und erstaufführte, war dieses Porträtkonzert gewidmet. Messiaen hat die Orgelmusik seines Jahrhunderts um einen ganzen Kosmos an Klängen bereichert und Rößler stellte der großen Schar Zuhörer vor ihrem Konzert dieses „Geschenk“ vor, dessen Reichtum man sich auf vielfältige Weise nähern kann. Ist man erst einmal offenen Ohrs und Herzens für den geistlichen Mittelpunkt seines Schaffens, so ergänzen sich andere Elemente der Musik von Messiaen auf natürliche Weise: der Umgang mit Farben (Messiaen war Synästhet, „hörte“ Farben und beschrieb seine Musik oft mit Farbtönen), die Natur und der Vogelgesang, schließlich der Aspekt der Zeit, des Zeitbewusstseins.

Messiaen selbst lag wohl falsch mit seiner Behauptung „meine Musik ist vor allem für Eingeweihte geschrieben“ – Almut Rößler öffnete durch eine kluge Programmdramaturgie und sorgfältigem Umgang mit der Jehmlich-Orgel Tor und Tür für einen außergewöhnlichen Konzertabend. Fast schon ein Klassiker ist die frühe „Apparition de l’Eglise Eternelle“ (Erscheinung der Ewigen Kirche) – hier legte Messiaen das ganze Kraftzentrum seiner Musik in einem einzigen kurzen Werk bloß. Rößler behielt hier die Ruhe, den großen Crescendo-Decrescendo-Bogen für den Raum passend einzurichten.

Das „Verset pour la fete de la Dédicace“ (1960) hingegen war ästhetisch vom Eingangswerk denkbar weit entfernt. Doch schimmerten die gregorianischen Melodien in Rößlers deutlich strukturierender Registrierung wie von ferne durch die moderne Anlage des Werkes. Waren dies noch Einzelwerke, die zum Einstieg in Messiaens Welt gut geeignet waren, so ist Messiaens zyklische Musik höchst anspruchsvoll für Hörer wie Interpreten.

Die 1950 entstandene „Pfingstmesse“ zeigt Messiaen als avancierten Denker auf der Höhe der Zeit: Hindu-Rhythmen, Modi und Vogelstimmen durchdringen sich wie in einem bunten Kirchenfenster – die Farben ergeben in der Summe ein Bild tiefer Gläubigkeit. In dieser schillernden Welt zeigte Rößler transparentes Spiel und souveränen Umgang mit den Farben der Jehmlich-Orgel, die insbesondere im Mixturen- und Zungenvorrat den Messiaen-Stücken ganz eigene Prägung verlieh. Bei aller Modernität etwa des zerklüfteten Offertoriums waren die Quellen, das Recit des 3. Satzes und die unverrückbaren Pedalsäulen des 2. Satzes von Rößler so plastisch gestaltet, dass man sich schnell und gerne in dieser Welt verlor – am Ende stand mit der Auferstehungsdarstellung schlicht das pralle Leben in seiner ganzen Fülle. Die Zugabe gab es vor dem Schlussapplaus – das „Gebet nach der Kommunion“ aus dem späten Zyklus „Livre du Saint-Sacrement“, den Rößler übrigens 1986 in den USA uraufgeführt hat, war ein immens tröstlicher, bewegender Ausklang dieses beeindruckenden Konzertes.


Almut Rößler ist am 13.2.2015 im Alter von 82 Jahren verstorben. Nachruf der Johanneskantorei in Düsseldorf

Published in Rezensionen

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