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Pistolenschüsse und Pokerspiel

5. Sinfoniekonzert der Landesbühnen Sachsen

Sieben Jahre leitete Michele Carulli als Generalmusikdirektor die musikalischen Geschicke der Landesbühnen Sachsen in Radebeul. Die anstehenden dramatischen Kürzungen im Bereich des Orchesters haben auch zur Folge, dass Carulli diese Tätigkeit beenden wird – das 5. Sinfoniekonzert der Saison ist das letzte unter seiner Stabführung und wohl auch eines der letzten Konzerte dieses Orchesters in seiner bisherigen Größe und Qualität.

Das Konzert fand im Rahmen der Karl-May-Festtage statt, dafür hatte man sich ein passendes Programm unter dem Titel „Go West“ zurechtgelegt. Carulli suchte gleich nach einem wirkungsvollen Auftritt mit Cowboyhut den Kontakt zum Publikum und stellte das Programm vor. Dass ein Werk von Aaron Copland erklang, erscheint im programmatischen Zusammenhang schon fast zwingend. Carulli entschied sich für die Suite aus dem Ballett „Appalachian Spring“, eine Liebesgeschichte vor dem Hintergrund des Farmerlebens in Pennsylvania. In dem für die Tänzerin Martha Graham entstandenen Werk sind einige berühmte Melodien des Komponisten enthalten, das Landesbühnenorchester hatte hier keine Mühe, die folkloristischen Aspekte herauszuarbeiten, es tat sich allerdings schwer, wenn schnelle Sätze mit vielen Taktwechseln und offenliegenden Phrasen auf dem Pult lagen. Hier wäre etwas mehr Ruhe im Dirigat von Carulli förderlich gewesen.

Der zweite Teil des Konzertes gehörte Giacomo Puccini, dessen Konnotation mit Amerika nicht auf den ersten Blick auffällt. Doch hatte der an aktuellen Stoffen immer interessierte Komponist sich nach einem Broadway-Besuch entschlossen, eine echt amerikanische Schurken-Oper zu schreiben: „Das Mädchen aus dem goldenen Westen“ (1910) ist bis heute ein ungewöhnliches und verkanntes Werk im OEuvre des Schöpfers geblieben – trotz Pistolenschüssen und Pokerspiel bleibt es natürlich ein Meisterwerk des Verismo. Carulli tat recht daran, den 2. Akt in einer von ihm hergestellten konzertanten Fassung mit drei Sängern darzubieten.

Farbig und nun mit bestens strömendem italienischen Sound wusste das Orchester die Partitur umzusetzen. Carulli war in seinem Element und achtete auch auf viele Details und das Ausfüllen der Spannungsbögen. Stephanie Krone (Sopran) gab eine überragende Minnie – bei enormem Gestaltungswillen überzeugten ihre starke Emotionen und die vollkommen sicher und schön geführte Stimme bis zum triumphierenden Finale. Angelo Raciti (Tenor) war für den erkrankten Guido Hackhausen eingesprungen. Zwar war somit das Konzert gerettet, wofür man dem Sänger Dank schuldet, jedoch war er mit der Partie des Johnson stimmlich vollkommen überfordert – der angestemmte Kampf gegen die hohen Noten war alles andere als ein Genuss. Norman D. Patzke hingegen füllte die Rolle des Sheriffs mit seiner großen, flexibel gehandhabten Baritonstimme gut aus.

„Bleiben Sie der Musik und der Kunst treu!“ rief Carulli vor einer Überraschungszugabe seinem Publikum zu. Das klang resigniert, wohl auch zornig, sollte aber für das Publikum erst recht ein Aufruf sein, „seinen“ Musikern auch durch schwere Zeit zu folgen. Eine schöne Gelegenheit, Carulli und das Landesbühnenorchester erneut vor der Sommerpause zu hören, bietet sich bei einem festlichen Opernkonzert im Juni.

Sa, 2. Juni, 19.30 Uhr, Stammhaus Landesbühnen Sachsen
Opernkonzert zum Verdi- und Wagnerjahr, Ausschnitte aus „Rigoletto“, „La Traviata“ u. a. / Solisten / Orchester der Landesbühnen Sachsen, Dirigent: GMD Michele Carulli

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