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Sympathischer musikalischer Wettstreit

Lange Nacht der Kammermusik in Moritzburg mit den Akademisten des Festivals

Dafür, dass ein sommerliches Festival das Prädikat „wertvoll“ erhalten kann, bedarf es vieler Komponenten, die vor allem Herz und Authentizität erfordern. Seit nunmehr sieben Jahren bestreiten junge Stipendiaten einen Teil des Moritzburg-Festivals, arbeiten mit den Profis, gestalten eine Tournee und das Eröffnungskonzert und eben auch die „Lange Nacht der Kammermusik“, die fester Bestandteil des Festivals ist. Hier stellen die Stipendiaten – in diesem Jahr sind es 36 Instrumentalisten aus aller Welt – wobei ein starker amerikanischer „Block“ auszumachen ist – Kammermusik vor, die sie während der ersten Festivalwoche gemeinsam in kleinen Formationen erarbeitet haben.

Der Abend dauert über drei Stunden, Sitzkissen und Leidenschaft für diese Art Musik sollten also ebenso mitgebracht werden wie die Unabhängigkeit von öffentlichen Verkehrsmitteln, denn der berühmte „letzte Bus“ läßt sich mit diesem Konzert nicht vereinbaren. Zumindest dies wäre ein Punkt, der sich künftig verbessern ließe, ansonsten hatten alle viel Spaß an der Darbietung, die dank des vom Förderverein des Moritzburg Festivals ausgelobten Akademiepreises auch interaktiv gestaltet war – die Preisträger bestimmte das Publikum per Stimmzettel. Damit war auch ordentlich Motivation für die jungen Musiker gegeben.

Der Reigen der Kammermusik spann sich durch vier Jahrhunderte und die Akademisten begnügten sich nicht mit Preziosen: der Anspruch war durchweg hoch. Natürlich waren die Charaktere unterschiedlich (das ist bei den Profis nicht anders) und nicht jedes Werk wurde bis zur Perfektion durchdrungen. Doch der kammermusikalische Geist wehte durch alle Darbietungen, das begann mit der munter theatralisch umgesetzten Sonata XII von Heinrich Ignaz Franz Biber, setzte sich fort in eher unterhaltenden Ensemblestücken von Jean Francaix (Oktett) und Gordon Jacob („Old Wine in new Bottles“) und steigerte sich zu tollen Leistungen in Stücken, bei denen auch große Musiker ein gutes Stück Arbeit vorfinden, etwa in Robert Schumanns 2. Streichquartett.

Der Publikumspreis ging schließlich an eine Interpretation zweier Sätze aus Dmitri Schostakowitschs Klaviertrio Nr. 2 – der Komponist scheint mittlerweile eine sichere Bank für das Siegertreppchen zu sein. John Garner (Violine), Samuel Justitz (Cello) und Ho Jeong Lee stürzten sich mutig und kundig in das hochdramatische Werk und wurden dafür belohnt. Besondere Erwähnung verdienen hier zwei zeitgenössische Interpretationen: Emilie-Anne Neeland, Katherine Williamson, Irina Kalinowska und Samuel Justitz formten eine eindrucksvolle, klanglich intensive Darstellung des 2. Streichquartettes von Sofia Gubaidulina, das auf diese Weise überraschenderweise dem tags zuvor aufgeführten dritten folgte.

Eine Entdeckung war auch das „Kleine Konzert für Streichquartett und Schlagzeug“ von Karl Amadeus Hartmann, von Amy Hillis, Christine Li, Alfonso Noriega, Riana Anthony und David Cariano Timme rhythmisch prägnant und mitreißend interpretiert. Großen Applaus gab es jedoch am Ende für alle Mitwirkenden – der sympathische, nicht allzu ernste Wettstreit des Moritzburg-Nachwuchses war wieder einmal ein musikalisch sehr befriedigendes Erlebnis.

Published in Rezensionen

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