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Mit der Europakarte im Kofferraum

Constanza Macras Roma-Stück „Open for Everything“ in Hellerau

Das Tanztheater kehrt nach dem Abschluss der „Tonlagen“ ins Festspielhaus Hellerau zurück. Constanza Macras‘ Company „Dorky Park“ gastiert regelmäßig mit neuen Produktionen in Hellerau – zuletzt mit „Berlin Elsewhere“ bei der Tanzplattform im Februar. Ihr neues Werk „Open for Everything“, erstmals bei den Wiener Festwochen in diesem Jahr vorgestellt, beschäftigt sich mit der Kultur der Roma, einem Volk, das uns als ethnische Minderheit zwar bekannt erscheint, doch die bruchstückhafte Überlieferung von Geschichte, Demografie und verfälschender, manchmal sogar romantisierender Darstellung macht es schwer, Klischee von Wirklichkeit zu unterscheiden. Insofern ist Macras Ansatz, das Tanztheater nicht über die Roma, sondern gemeinsam mit Roma zu entwickeln und aufzuführen, richtig, weil so statt einer Deutung die Dokumentation im Vordergrund steht.

Der Titel „Open for Everything“ wirkt da fast wie eine Distanzierung – Macras will weder Polittheater noch Sozialtheater schaffen. Das opulente Bilderspektakel, vom begeisterten Publikum in Hellerau verfolgt, regte aber zu reichlich Auseinandersetzung an. Spannend ist in Macras Werken immer die Initialzündung zur Reflektion, die nicht über Belehrung und Ausbreitung intellektueller Materialien geschieht, sondern zuerst über die Sinne. Tanz und Theater, Musik, Bühne und Choreographie werden dabei revueartig vermischt. „Open for Everything“ formt einen schönen Bogen im Wechsel zwischen Soli und großen Ensembles und erreicht eine packende Bildersprache, wenn es um Identität oder Selbstfindung geht.

Auf ein operettenhaftes Finale verzichtet Macras, stattdessen weist der stille Schluss nach innen, in die Gedanken- und Traumwelt. Fünf Musiker aus Tschechien und der Slowakei heizen zuvor Tänzern und Publikum ordentlich ein. Gleich ob es melancholische Lieder sind, „Carmen“ oder Pop-Musik – alles wird mit gehörig Herzblut gespielt und nach eineinhalb Stunden weiß man, dass es ebenso wenig eindeutige Roma-Musik gibt wie auch die Legende vom „fahrenden Zigeuner“ kaum mehr haltbar ist – das ausgebeulte Auto auf der Bühne dient dennoch als skurriler Lebens- und Tanzraum, die Europakarte ist ständig im Kofferraum parat. Es präsentiert sich ein musikalisches, rhythmusbetontes Volk, das seine eigenen Traditionen und Werte hat – Macras weist mit subtilen Szenen darauf hin: ein Taschendieb, eine Madonnenfigur im Hintergrund oder ein Bericht über eine Beerdigung werden eingeflochten. Kurze autobiografische Erzählungen der mitwirkenden Roma zeigen, dass immer der Mensch und sein Schicksal auf eine respektvolle Weise im Mittelpunkt steht.

Die Schnittpunkte zur westlichen, modernen Welt sind gleichzeitig hart wie überraschend fließend – Dorky Park bringt durch seine eigenen Tänzer Internationalität in das Stück, mal ist das Aufeinandertreffen skurril („Du siehst indisch aus, bist Du Inderin?“), dann wieder zeigen hemmungslos sinnenfrohe Ensembleszenen, dass Emotionen in allen Ecken der Welt gemeinsam gefühlt und getanzt werden dürfen. Mit „Open for Everything“ ensteht eine Nische auf der Bühne, ein Theater-Raum, in dem alles darf, nichts muss, aber wir nach der Aufführung einmal mehr wissen, was uns als Mensch ausmacht und auch von anderen Menschen unterscheidet – wenn diese Leidenschaften so authentisch und temperamentvoll über die Rampe kommen, kann man nur von einem gelungenen Abend sprechen.
(19.10.12)

Published in Rezensionen

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