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Gegen den Strich

Wagner, Lidholm und Beethoven im Kapell-Konzert mit Herbert Blomstedt

Wenn Herbert Blomstedt nach Dresden kommt, kann er sich eines vollen Konzertsaales sicher sein. Dabei sind es nicht nur Musikliebhaber, die noch Blomstedts Dresdner Chef-Zeit 1975-85 bei der Sächsischen Staatskapelle miterlebt haben. Kaum entziehen kann man sich diesem Musizierwillen und der Lebendigkeit, die der fast 86jährige Dirigent ausstrahlt. Und mag er auch auf ein reiches Lebenswerk zurückblicken, er ruht sich keineswegs darauf aus – seine Programme sind intelligent und vielseitig.

Im 11. Sinfoniekonzert der Sächsischen Staatskapelle wagte er es gar, einen kompletten Abend mit neuer Musik auszugestalten. Nicht im zeitlichen Sinne „neu“, – das jüngste Werk war immerhin auch schon vor fünfzig Jahren geschrieben – doch im jeweiligen Kontext besaßen alle drei Stücke revolutionären Atem. Richard Wagners Oper „Tristan und Isolde“ weitete den harmonischen Raum, die Ouvertüre ist von den Konventionen befreit.

Blomstedt wählte die auf Wagner selbst zurückgehende Konzertfassung samt dem „Liebestod“ – ein auf 17 Minuten verkürztes Drama, das aber in der Unausweichlichkeit der drängenden Musik geschlossen wirkt. Mit der Kapelle realisierte Blomstedt eine auf noble Zurückhaltung zielende Interpretation, ließ den Beginn natürlich fließen und setzte auf die ohnehin angelegte organische Linienführung. Warm und edel, fast ein bißchen zu schön verklärte sich da am Ende die Bande der Liebenden und Blomstedt traf natürlich die Staatskapelle in Bestverfassung bei ihrem Hauskomponisten an.

Dass das Neue, Überraschende, Unerwartete ins Blickfeld des ganzen Konzertes rückte lag an dem im Zentrum stehenden Stück „Poesis“ des Schweden Ingvar Lidholm (geboren 1921), ein hierzulande unbekanntes Dokument der schwedischen Avantgarde der 60er Jahre, stilistisch vor allem Lutoslawski und Ligeti verpflichtet. Blomstedt nutzte die Umbaupause, um dem Publikum in höchst unterhaltsamer Moderation das Werk nahezubringen – „Sie werden keine Melodie hören. Auch keine Harmonie. Und keinen Rhythmus.“ – Der Schrecken währte nur kurz. Blomstedt schaffte es, die Zuhörer für das Naturerlebnis „Poesis“ zu öffnen („Die Pilze im Wald wachsen ja auch nicht rechtwinklig“), trug dem Publikum Motive und Geräusche singend und klopfend vor und faszinierte anschließend mit einer in wilden Klangfarben wuchernden, teilweise improvisatorisch grundierten Interpretation, bei der Naomi Shamban souverän einen höchst perkussiven Klavierpart übernahm. Soviel Beifall für neue Musik hat man lange nicht gehört im Semperbau und die Kapelle trug mit Sensibilität für die ungewohnten Klangkaskaden unter Blomstedts klar organisierender Leitung dazu bei.

Dass unter den Sinfonien von Ludwig van Beethoven die „Eroica“ alles damals Dagewesene, ja die gerade erst zur Blüte gebrachte sinfonische Tradition selbst gehörig gegen den Strich bürstet, ist bekannt. Bis heute stellt die Aufführung dieses Stücks Interpreten vor anspruchsvolle Aufgaben. Blomstedt setzte auf deutliche Akzentuierung und flüssige Gangart, ohne die Ecken und Kanten dieses Dramas zu vernachlässigen. Zu Beginn hatte die Kapelle allerdings einige Schwierigkeiten, das Metrum zu fassen, bis zum Ende der Durchführung im 1. Satz schwankte das Schiff doch gehörig. Blomstedt gelang es aber, Ruhe und Ausdruck in die Musizierweise zu bringen, so dass vor allem das fein ausgehörte Scherzo und die Variationenfolge des 4. Satzes noch zu einem Höhepunkt des Konzertes wurden. 85 und kein bißchen leise – bereits im November 2013 wird man Blomstedt im Semperbau wieder herzlich begrüßen, dann unter anderem mit der 2. Sinfonie von Jean Sibelius.

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