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Echo Klassik 2013 – Preisträger stehen fest

Ich sag es gleich vorneweg: am meisten gefällt mir am Echo Klassik in diesem Jahr, dass man auf der Website neuerdings richtig Krach machen kann (wenngleich selbst die Tastatur Fehler aufweist…und zu gerne würde ich Joyce diDonato mit „ihrem“ Ton hören…). Leider landet die Kakophonie dann bei einem selbst im Zimmer, dabei müßte doch eigentlich in den Büros von Echo Klassik jedes Mal, wenn einer auf die Tasten haut…. Na, lassen wir das. Ich will ja hier brav über die Preise berichten, wie ich es hier schon einige Male getan habe.

Die Tirade der Überflüssigkeit und Angreifbarkeit könnte ich mir aufgrund von Wiederholung vielleicht sparen, aber da ich, wie mancher weiß, mir ausgerechnet in diesem Branchensegment auch ein paar Brötchen verdiene und Musik mir am Herzen liegt, gibt es doch wieder auf den Kopf, und zwar mit einem kleinen Vergleich. Als ich einmal einen Musikwissenschaftler danach befragte, warum denn doch Mozart und Haydn bekannter seien als Hasse, Heinichen und Naumann, da müsse doch etwas an der Rezeption oder Qualität der Werke liegen, fiel sofort das Wort „Heroendenken“. Eigentlich müßte im Büro der Phonoakademie schon ein Stempel mit dem Wort geprägt sein, vielleicht wird der Preis auch 2014 endgültig umbenannt in „Cecila-Bartoli-et-alii-Echo“ – Keine Kritik an Frau Bartolis Gesang, der ist wirklich umwerfend! Aber braucht sie denn ein Abo auf diesen Preis? Wir wissen es doch nun wirklich langsam, dass die Dame nicht nur sympathisch ist, sondern auch die gruseligsten Koloraturen vor allem der Meister ihres Heimatlandes beherrscht. Dass der bekannteste (weniger „der wichtigste“) Tonträgerpreis sich weiterhin im Mainstream suhlt, wird wohl auch in fünfzig Jahren noch so sein. Dann aber erhält er seine volle Berechtigung, weil die kleinen feinen Plattenlabels, die hier gar nicht auftauchen samt ihren kostbaren Aufnahmen, dann auch tot sind. Dass der Echo auch am „Neuland“ vorbeirauscht und damit auch gute wie schlechte Entwicklungen ignoriert, passt ebenfalls in die „Dashatdochimmergutgeklappt“-Schiene. Schließlich und endlich geht es um Umsatz. Was erwarte ich also eigentlich?

Nicht alle Alben sind mir bislang zu Gehör gekommen, daher fallen die Kommentare zu einigen Platten kurz aus oder ich enthalte mich eines Urteils. Wo ich doch einmal was sage, darf man mir gerne widersprechen – über Geschmack und Vorlieben läßt sich bekanntlich streiten. Wer wissen will, wer überhaupt die Preise festgelegt hat, kann sich hier die Jury anschauen – die Beschreibung „unabhängiger Branchenexperte“ in Verbindung mit „Musikindustrie“ darf man sich gerne auf der Zunge zergehen lassen.

Dass Bartoli wiederum einen Echo (den wievielten eigentlich?) bekommt, sei es drum – charmant wird sie dem Pott einen Platz in ihrer nun langsam berstenden Vitrine zuweisen. Jonas Kaufmann musste ihn dieses Jahr bekommen, er erhielt 2012 schon einen Echo für den „Fidelio“ (gemeinsam mit Abbado) – aber das Wagner-Jahr war natürlich sein Jahr. Wer ihn erlebt hat, weiß warum – da ist niemand neben ihm derzeit. Die Auszeichnung Instrumentalist des Jahres (Klavier) erhält Martha Argerich auch völlig zu Recht. Eine Künstlerin, die sich rar macht, aber deren außergewöhnliches Spiel dank der aktuellen Aufnahmen bei ihrem Festival in Lugano weiterhin verfolgt werden kann – das ist und bleibt höchst spannend.

MDG ist diesmal mit fünf Auszeichnungen vertreten, darunter eine für Reinhold Friedrich (Trompete). Eine mir nicht bekannte Tuba-CD erhält weiterhin einen Preis. Ein wenig Exotismus ist schon dabei, wenn es nicht um Gesang, Klavier, Violine geht – nehmen wir dieses Jahr die Tuba oder doch die Harfe…? — Schön, dass Kavakos Beethoven-Sichtung ebenso einen Preis erhält wie Esa-Pekka Salonens Würdigung des sinfonischen Werks von Witold Lutoslawski. John Adams hingegen wird ohnehin schon in den USA mit Preisen überhäuft, zudem wird hier eine CD mit recht geläufigen älteren Stücken prämiert – vermutlich haben die Juroren Adams zum ersten Mal wahrgenommen und fröhlich mit dem Fuß gewippt… — Da man Anna Prohaska nicht noch einmal als Nachwuchskünstlerin auszeichnen kann, entschloss man sich für Julia Lezhneva, eine CD allerdings, die mir merkwürdig am Ohr vorbeigerauscht ist.

Sehr schön finde ich die Auszeichnung für Alexandre Tharaud. „Swinging Paris“ war eine meiner absoluten Lieblings-CDs dieses Jahr, nicht nur wegen des Ohrwurms „Henri, pourquoi n’aimes tu pas les femmes?“ – Mahlers 9. Sinfonie mit Bernard Haitink habe ich bisher nicht gehört, war aber auch nie wirklich ein Fan dieses Dirigenten. Ich lasse mich gerne überzeugen. Nicht überzeugen konnte mich der „Sacre“ mit Simon Rattle – eine Prestigeauszeichnung? Auch Vilde Frang ist zwar eine interessante Nachwuchskünstlerin, die Platte mit Nielsen und Tschaikowsky ließ mich aber seltsam kalt. Anders Kristian Bezuidenhout – der bricht eine Lanze für das Hammerklavier und kann derartig singen und erzählen auf dem Instrument, dass man sich fragt, warum es soviele Mozarteinspielungen auf normalen Klavieren gibt. Oh ja, und Patricia Kopachintskaya – eine Frau, die mit der Geige arbeitet, die mühelos Grenzen überspringt und trotzdem so eindringlich interpretiert, als ginge es jedes Mal ums Leben. Gute Entscheidung!

Die Gesualdo-Einspielung des Vocalconsorts Berlin kenne ich noch nicht, werde ich mir aber umgehend zu Gemüte führen. Der „Artaserse“ von Vinci ist wohl etwas für Spezialisten und verdient sicher auch seinen Preis. Ich musste etwa beim fünften Track abschalten, schlicht weil mir die Counterei in der Massierung völlig auf den Geist ging (Banause, ich.). Gergievs Wagner-Einspielung mag ich nicht kommentieren, wundere mich aber, warum an dieser Stelle der Name Marek Janowski nicht auftaucht, die Pentatone-Aufnahmen des konzertanten Berliner Zyklus sind (fast) durchweg hervorragend. Ax, Lugansky, Garanca, Villazón – nun ja, das sind alles Aufnahmen, die mich nicht vom Hocker gerissen haben. Britten ist zweimal vertreten, mit „Rape of Lucretia“ (Bostridge) und dem grandiosen Mark Padmore in der Serenade für Horn/Tenor.

Kaum verstehen kann ich die Auszeichnung für Gabetta und Grimaud, die „Duo“-Platte, die „eben mal schnell“ aufgenommen wurde, sie klingt leider auch so nichtssagend. Das Belcea-Quartett muss ich noch entdecken, wie überhaupt ich wenige der Kammermusikeinspielungen kenne. Schön, dass Steffen Schleiermacher dabei ist und Morton Feldman auf diese Weise auch eine Würdigung erhält. Nachdem mich neulich auch eine Radioaufzeichnung des „Requiem“ des in letzter Zeit wiederentdeckten Komponisten Walter Braunfels schier umgerissen hat, werde ich mir auch die CD von David Geringas mit Braunfels Streichquintett sicher bald anhören.

Zuletzt die DVDs: Asche auf mein Haupt, ich habe den Cage-Film bisher ebensowenig gesehen wie „Klassik und Kalter Krieg“. Daher kann ich nicht beurteilen, ob die Filme preiswürdig sind. Der Levine-Luisi-Ring der MET ist dann wohl noch einmal die Ehrerbietung an den Jubilar 2013.

Ich bitte um Verständnis, dass ich keine amazon-Links mehr setze, alle Platten findet man natürlich beim Laden Ihres Vertrauens.
Außerdem ergänze ich den Beitrag noch in den nächsten Tagen um einige Presseartikel. Vielleicht gibt es sogar einen kleinen Live-Blog zur Fernsehsendung im Oktober, die immer einen besonderen Charme hat… 😉

Published in hörendenkenschreiben

3 Comments

  1. thg thg

    Ich möchte darauf bestehen, den Exoten-Echo immer an das achsoexotische Saxophon zu vergeben oder wenigstens eins zu nominieren. Wenn sich die Herren und Damen da mal bitte festlegen könnten. Die Saxophone fühlen sich langsam heimisch in dieser Nische und damit, dass sie in anderen Kategorien schlicht ignoriert werden. Harfen, Tuben, Gitarren und andere „Exoten“ sicherlich auch.

    • Es wäre ein leichtes, aus der Nische herauszukriechen, wenn man nur die Grundregeln des Erfolges beachten würde (und/oder-Auswahl): a) leichte Bekleidung auf dem Cover (mind. barfuß) b) Spieler unter 14 Jahre alt ODER b2) Spieler mit einheitlich auffälliger Frisur c) im Titel mindestens die Wörter „feat.“, „Mix“ oder „Best of“ d) Huldigung des aktuellen Komponistenjublilars e) Arrangement einer bislang unveröffentlichten, sogleich bearbeiteten Porpora-Arie mit Cecilia Bartoli im Bonustrack

    • thg thg

      Vor meinem geistigen Auge entspringen Fantasien, alles auf einmal wahr werden zu lassen.

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