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Im Konzert

Keine Rezension. Ein Protokoll.

Es fing eigentlich schön an. Das Orchester spielt, man erfreut sich an der Musik. Doch dann nehmen die Dinge unvermeidbar ihren Lauf, eine Metasinfonie spielte sich ab, die mich als akustisch sensiblen Menschen outet, aber auch nicht einer gewissen Komik entbehrt. Allein die Rückkonzentration auf die Musik selbst wurde ein wenig erschwert.

11.43 Bruckner, 1. Satz. – Vollkonzentriert und in der Pause gestärkt lauschen alle der großen Sinfonie. Hier steht die Musik wirklich im Mittelpunkt. Schön.
11.59 immer noch 1. Satz, der ist lang. Die Uhr in der Semperoper wechselt alle fünf Minuten ihre Anzeige. Seit heute wissen wir, dass entweder sie nachgeht, oder die Uhr des Herren aus dem 3. Rang. Deren Piepton ertönt etwa 20 Sekunden, bevor die Semperoperuhr lautlos ihr Zifferblatt wechselt.
12.05 Der zweite Satz beginnt mit stillem Streichergetupfe. Adagio. Zeit für ein Hustenbonbon in Reihe 3. Die Plastikknautschkantilene erstreckt sich über volle sechs Takte, ein scharfer Blick aus dem 2. Pult der Violinen hinunter nützt nichts.
12.07 Wir sind mitten in einer harmonisch bedeutenden Stelle im Stück, als vom 1. Rang ein viergestrichenes lang ausgehaltenes Cis ertönt. Im Pianissimo zwar, aber dennoch steht fest, dieser Ton ist in keiner der Bruckner-Fassungen enthalten, schon gar nicht als Fern-Instrument vom Rang. Zudem gibt es ausgerechnet bei dieser Sinfonie nur eine Fassung. Wir üben uns trotzdem in Geduld, bis die Dame ihr Hörgerät endlich eingestellt hat, was mit einem leichten Glissando am Ende des Tones angedeutet wird.
12.13 Immer noch im Adagio wird es langsam Zeit für den Herrn in Reihe 14. Da in dieser Sinfonie kein exponierter Beckenschlag vorgesehen ist, sucht er sich eine ansonsten unspektakuläre Stelle im Stück aus, um sein aus feinem Palisanderholz gefertigtes Brillenetui gen Parkettboden segeln zu lassen. Der Aufschlag gelingt.
12.19 kurz vor Ende des Adagios machen wir Bekanntschaft mit einem Herrn im 1. Rang rechts, der einen recht unauffälligen, leisen Husten hat, was vorkommt und menschlich ist. Unpassend ist lediglich seine Strategie, den Husten dadurch zu verbergen, dass er genau auf Schlag ertönt. Was nämlich genau das Gegenteil der beabsichtigten Wirkung hervorruft.
12.31 Im Scherzo fällt auch der Tür im 3. Rang endlich eine Rolle zu, die sich zwar aufgrund einer wegen einer Unpässlichkeit die Szene verlassenden Dame nur leise öffnet und schließt, aber die piano-Modulation im Orchester war eine denkbar gute Voraussetzung dafür, um sie trotzdem wahrzunehmen.
12.38 Das Scherzo endet eigentlich mit einem Akkord. Viel zu langweilig, denkt sich das Handy in der Handtasche einer Dame im 3. Rang links und fügt eine schwurbelnde Ornamentik zum letzten Ton hinzu. Ein schneller Druck auf die richtige Taste verhindert gerade noch das fällige große Solo samt Abgang.
12.44 Im Finale knurrt mein eigener Magen. Ich bedauere fast keine verstärkungsgeeigneten Gerätschaften bei mir zu haben, so dass dieses akustische Erlebnis an mir kleben bleibt. Meine Sitznachbarn bitte ich um Verständnis.
13.03 die lange fortissimo-Stretta bietet ordentlich Gelegenheit, einmal alles bisher unterdrückte Räuspern und Husten herauszulassen. Hört ja keiner. Außer der Neben- oder Vordermann. Der in 90% der Fälle ich bin.
13.07 Ende des Konzertes. Und welch Wunder: lange Stille nach dem letzten Ton. Wirklich. Glauben Sie es mir.

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