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Deftiges Weihnachtsmenü

Werke von Prokofjew, Rachmaninow und Borodin im Konzert der Dresdner Philharmonie

Im ersten Stück stirbt eine Ziege, im zweiten geht es um „beleidigend klingende Hymnen an Altären“ und das dritte Stück stammt von einem nebenbei komponierenden Mediziner. Was hier beschrieben wird? Man mag es kaum glauben: das Weihnachtskonzert der Dresdner Philharmonie im Albertinum. So stand es zumindest auf der Eintrittskarte und auch das Datum stimmte. Im Programmheft vermied man aber tunlichst den Bezug zu den festlichen Tagen herzustellen. Was zu jeder anderen Jahreszeit ein Sinfoniekonzert mit recht spannenden inneren Bezügen gewesen wäre, war dann doch am ersten Weihnachtsfeiertag ein Kraftakt für Musiker und Zuhörer.

Damit sei keinesfalls behauptet, dass allein Hänsel, Gretel, Auguste und der Nussknacker an diesen Tagen seligmachend seien. Der hohe Anspruch des Konzertes hätte zumindest einen Bezugspunkt verdient gehabt, der mehr gewesen wäre als der pure Kontrast und das „auf andere Gedanken kommen“. Die Zuhörer wurden mit einem klangdeftigen, russischen Menü zwischen Spätromantik und expressionistischer Moderne konfroniert. Gleich zu Beginn wurden allenthalben vorhandene Reste weihnachtlicher Behaglichkeit mit Teilen aus dem Ballett „Der Narr“ von Sergej Prokofjew aus den Ohren gespült. Prokofjew komponierte die Groteske 1921 für Diaghilews Ballett in Paris – die Nachbarschaft der „Skythischen Suite“ ist erkennbar, scharfe Dissonanzen und rhythmische Kanten durchziehen das ganze Werk.

Für das Konzert konnte man den in Dresden in diesem Jahr schon mehrfach präsenten russischen Dirigenten Michail Jurowski gewinnen – die Interpretation jedoch blieb hinter den Erwartungen zurück, denn Jurowski fand selten zu einer Metrum und Fluss betonenden Basis, die die Attacken und Einsätze der Orchestergruppen in das Gesamtgefüge eingeordnet hätte. Es blieb bei einem zackig-schroffen Dirigat von Einzelmomenten, bei dem die Philharmonie klanglichen Glanz und triumphale Schlüsse zumeist alleine herstellte.

Die folgenden Lieder von Sergej Rachmaninow dürften für das Konzertpublikum ebenfalls eine Novität gewesen sein. Damit diese wertvollen Piècen Eingang in die Konzertsäle fänden, fertigte Wladimir Jurowski (1915-1972) – der Vater des Dirigenten – eine Instrumentation einiger Lieder für Tenor und Orchester an. Die Anwesenheit von Vladimir Jurowski (ebenfalls Dirigent und Chef des London Philharmonic Orchestra) mit Familie im Publikum machte an dieser Stelle vier Generationen Jurowski komplett – vielleicht war mit diesem Familientreffen der weihnachtliche Bezugspunkt gegeben, wenngleich nicht jeder einen Opa vorweisen kann, der im Konzert auch noch ein Werk des Uropas vorstellt. Der russische Tenor Vsevolod Grivnov zeigte sich versiert im Umgang mit den zum Teil zeitkritischen Liedern, deren leidenschaftlicher Drang eine farbige Instrumentation rechtfertigt – am innigsten gelang hier wohl Rachmaninows Version des Monologes der Sonja „Wir werden ausruhen“ aus Tschechows „Onkel Wanja“.

Mit Alexander Borodins 2. Sinfonie h-Moll klang das außergewöhnliche Konzert an Weihnachten aus. Hier bemühten die Philharmoniker sich auf professionelle Weise, Jurowskis Klangvorstellungen adäquat umzusetzen – hart wurden die G-Saiten bereits im Eingangsthema traktiert. Weitgehend weidete sich Jurowski an lauten Passagen und ließ viele doch delikate Stellen etwa im 2. Satz merkwürdig unbeachtet. Es ist vorstellbar, dass ein russisches Klangideal nicht zwingend in Grobheit münden muss; eine präzisere Betreuung des engagiert spielenden Orchesters hätte eine viel größere Ausdrucksbreite hervorgerufen.

Published in Rezensionen

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