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Märchen, Beschwörungen und „Des Todes Tod“

Lyrisches im 4. Kammerabend der Sächsischen Staatskapelle

Im weiten Feld der Kammermusik gibt es viele Leuchttürme, Meisterwerke der kleinen Form, die für Komponisten immer eine besondere Herausforderung darstellen: wie sagt man Wesentliches nur mit zwei oder drei Instrumenten? Die Kammermusik ist aber auch oft ein Experimentierfeld für Ideen und stilistische Veränderungen des jeweiligen Komponisten. Manchmal entstehen dadurch besondere Kostbarkeiten. Im Kammerabend der Sächsischen Staatskapelle bietet sich stets Gelegenheit, diese „Perlen“ zu entdecken; am vergangenen Sonntag waren es überwiegend Liedkompositionen, die in der Besetzung variierten und ohne Klavier auskamen.

Vorangestellt war Leoš Janáčeks „Pohádka“ (Märchen) für Cello und Klavier, das mit den Einstieg in die kommenden Stimmungen erleichterte, weil es die freie Phantasie und Inspiration lobpries. Jakob Andert (Cello) und Kiai Nara (Klavier) zeichneten daher auch die warmen, pastellenen Töne des Werkes deutlich und beließen das kurz gefasste Stück in seinem überwiegend lyrischen Charakter. Zwei Textvertonungen des Leipziger Komponisten Siegfried Thiele (geb. 1934) folgten; die dazwischen liegende Pause war wohltuend, denn der Kontrast zwischen Heiterem und Ernst konnte nicht größer sein.

Der Zyklus „Incantamenta – Zaubersprüche“ für Bariton, Schlagzeug und Pauken widmet sich lateinischen Beschwörungstexten, die bei bestimmten Krankheiten helfen sollen – Andreas Scheibner und das kleine, aber instrumentenreiche Schlagzeugensemble (Thomas Käppler, Christian Langer, Jakob Eschenburg, Jong Yong Na) sorgten hier für eine leichtfüßig-launige, aber niemals banale Atmosphäre, deutlich war auch eine Steigerung des Ausdruckes im 4. und 5. Lied; vor allem der Marimba schenkte Thiele virtuose, „magische“ Partien. Zu konstatieren ist, dass diese Variante der Alternativmedizin zwar eine leichter einzunehmende ist, im Publikum aber vor allem im zweiten Teil des Konzertes wirkungslos blieb – mit „Abakadabra“ ist auch den Hustern im Parkett nicht beizukommen.

In den Liedern auf Texte von Reiner Kunze, wie das Vorwerk 2006 uraufgeführt, zeigte Thiele eine ganz andere Ausdruckswelt – karg und konstant von Melancholie durchzogen wirkte die Besetzung der Singstimme mit Cello und Klarinette, der Verzicht im Material führte zur Konzentration auf die kaum trostvollen Texte von Kunze. Diesen fast novemberlichen Geist durchwehte auch „Des Todes Tod“ – ein dreiteiliger Liedzyklus auf Texte des Expressionisten Eduard Reinacher von Paul Hindemith. Dieser entschied sich bei der Vertonung 1922 für zwei Bratschen und zwei Celli als Begleitung für den Mezzosopran (Anke Vondung mit sehr überzeugender Gestaltung und warmem Ton), allein diese Entscheidung führt zu einem abgedunkelten, dennoch überraschend abwechslungsreichen Timbre. Was an diesem Abend in leichter Heiterkeit der Phantasie begonnen hatte, klang mit tiefernsten Tönen aus – eine Dialektik, der wir uns häufiger im Leben stellen müssen, insofern hatte dieser Kammerabend einen denkwürdig philosophischen, spannende Faden.

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