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Husch ins Eckchen – zeitgenössische Musik (nicht) im Radio

Wir wissen es alle: der öffentlich-rechtliche Rundfunk definiert den Kulturauftrag gerne selbst – und da kochen viele Köche einen schmodderigen Brei, den wir dann hörend verzehren müssen. Es sollen alle Zuhörerschichten erreicht werden und gleichzeitig muss die Quote stimmen. Die Ausgewogenheit entpuppt sich schon dann als seifige Worthülse, wenn MDR Figaro etwa ein eigenes Studio-Konzert mit Suzanne Vega wochenlang vor und vermutlich wochenlang nach dem eigentlichen Event mit Musik der Künstlerin promotet – auf Sendeplätzen, auf denen eigentlich Vielfalt geboten sein sollte.

Ich komme vom Thema ab. Gestern hieß es wieder einmal: Husch, ins Eckchen. Ein solches „Eckchen“, schlappe 55 Minuten Sendezeit pro Woche, ist bei MDR Figaro für ein Format namens „Moderne Musik“ reserviert. Früher war es immerhin noch eine komplette Abendsendung. Ansonsten kann man zeitgenössische Musik im Figaro-Programm nichtmal mit einer Lupe suchen, und die Website und Suchfunktion ist ein einziges Desaster: Keine Scripte, keine Erklärungen – ein großes Feature über mein Landesjugendorchesterprojekt 2012 ist beispielsweise einfach verschwunden, die unübersichtliche Website verhindert zudem kolossal, dass man schnell und umfassend seinen Hörinteressen nachgehen kann.

Zurück zur Sendung: eine „breite Zuhörerschicht“ wird mit solch einer Notizzettel-Seite sicher nicht angesprochen. Ich hatte zu spät eingeschaltet – für meine breite Leserschicht dieses Blogs reiche ich nach, dass es eine themenbezogene Sendung war, es ging um „Hymnen“ in der Musik. Das steht nicht einmal auf der Sendungsseite (die vermutlich morgen ebenso wieder aus dem Web verschwinden wird), stattdessen nur der Satz: „Mit Ausschnitten aus Werken von Karl Amadeus Hartmann, Karlheinz Stockhausen und Moritz Eggert“. „Ausschnitte“ – das läßt ja schon Schlimmes ahnen und dementsprechend waren auch etwa Karl Amadeus Hartmanns „Hymnen“ auf das Finalgetöse reduziert.

Dann aber glaubte ich meinen Ohren nicht zu trauen. Der Autor der Sendung, Mario Plath, der auch moderierte, sprach über ein Klavierstück von Moritz Eggert, welches sich mit den Nationalhymnen beschäftige und teilte mit, dass „das Stück aus Zeitgründen nicht gesendet werden könne, aber auf YouTube zu finden sei“. Ein ziemlich unglaublicher Vorgang, war doch Eggert explizit angekündigt. Zudem wurde das Klavierstück als „Hämmerklavier Zwölf“ falsch angekündigt (es ist Hämmerklavier XIX, tja, diese komischen römischen Zeichen…).

Stattdessen wurde (ohne weitere Erklärung) der Hymnus von Alfred Schnittke gesendet, auch ein schönes Stück, aber eben nicht Eggert. Mehr noch: Die Sendung kippte danach vollends in die Beliebigkeit, als der Autor Alphons Diepenbrock und Nikolaj Medtner aus dem Hymnen-Hut zog – zwei spätromantische Komponisten, deren Stücklänge locker die zehn Minuten des Eggert-Werks erreichten. Mit Verlaub: die Einbettung dieser beiden Schmonzetten-Stücke war ein ästhetischer Meineid. Der wurde aber am Ende der Sendung gottlob bestätigt, denn der Moderator wünschte „noch einen unbeschwerten Abend“.

Soviel zur Kultur im mitteldeutschen Radio.

Published in hörendenkenschreiben

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