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Virtuoser Glamour und tiefer Ausdruck

Landesjugendblasorchester Sachsen zeigte Spektrum der „Klassiker“

Vermutlich nicht jedem Konzertgänger ist das „Sinfonische Blasorchester“ ein Begriff – ist unsere Wahrnehmung klassischer Musik doch heute wesentlich von den Sinfonieorchestern und Ensembles der Kammermusik geprägt, die sich seit dem 19. Jahrhundert herausgebildet haben. Dabei haben die Blasorchester eine eigene weitreichende Musikgeschichte, lassen sich gar auf Mozarts „Harmonie“ und mittelalterliche Stadtpfeifer zurückführen. Aufgrund der speziellen Besetzung, die Verzweigungen sowohl in die Militärmusik als auch in regional geprägte Laienmusik aufweist, ist im Laufe der Zeit eine ganz eigene Musikgattung entstanden, für die es auch von klassischen Komponisten Originalkompositionen gibt.

Der spezielle Klang des etwa 40köpfigen Ensembles mit Holz- und Blechbläsern sowie Schlagzeug fordert nicht zuletzt zum Grenzgang zwischen klassischer Musik, Jazz und Unterhaltungsmusik heraus. Seit 1997 existiert in Sachsen das Landesjugendblasorchester Sachsen, das in jährlich zwei Projektphasen Konzertprogramme einstudiert und aus jungen Musikern der Musik- und Hochschulen besteht. Nach dem Eindruck des „Klassiker“-Programms, mit dem sich das Orchester am Sonnabend im Saal des Heinrich-Schütz-Konservatoriums Dresden vorstellte, möchte man behaupten, dieses Orchester kann alles, und das auch noch auf einem sehr guten Niveau.

Keineswegs handelt es sich bei der Projektphase um eine lockere Musikerferienfreizeit, die vier vorgestellten Werke waren so abwechslungsreich und für alle Bläsergruppen gleichermaßen herausfordernd, dass man merkte, wieviel Arbeit und Engagement dahintersteckte. Dirigent Thomas Scheibe, selbst erfahrener Orchestermusiker und seit Jahren mit mehreren Ensembles in Sachsen aktiv, konnte mit jederzeit klarem Dirigat die Musiker zu einer kompakten Gesamtleistung animieren. Das Motto „Klassiker“ war natürlich weit auslegbar – hier handelte es sich ausschließlich um Werke des 20. Jahrhunderts.

Gustav Holsts „Suite for Military Band“ Es-Dur greift auf alte Formen und Carols zurück – „very british“ traf das Landesjugendblasorchester genau den warm timbrierten Ton dieser Musik. Der US-Amerikaner Don Gillis hingegen steht für eine Komponistengeneration, die Broadway, Jazz und Klassik gleichermaßen verinnerlichte und zu neuen Originalwerken führte. Rhythmische Präzision und einiges an virtuosem Glamour waren in Gillis Symphony „5 1/2“ zu bestaunen – Scheibe vermochte die Klangmassen gut zusammenzuhalten und differenzierte auch die Dynamik im schwierigen Saal.

Karel Husas „Music for Prague 1968“ war sicherlich das eindrucksvollste Werk des Konzertes: eine zeitgenössische Musiksprache verband sich hier mit tiefem Ausdruck. Direkte persönliche Erlebnisse des Exil-Komponisten sind hier in klageartige, nachdenkliche Klänge verwoben, vom leise pochenden Schlagzeugintermezzo bis zu großbögigen, auch kantablen Steigerungen waren die Musiker hier voll gefordert. Ein versöhnlich-volkstümlicher Ausklang gelang mit George Enescus „Rumänischer Rhapsodie Nr. 1“, die auch in der originalen Orchesterfassung sehr bekannt ist. Erneut konnte man sich hier über einen mutigen Zugriff in allen Orchestergruppen freuen, überhaupt waren sämtliche Soli selbstbewusst und mit Können ausgestaltet. Das an diesem sonnigen Nachmittag leider nur spärlich besetzte Auditorium honorierte diese Leistung kräftig.
(29.4.14)

* Die Konzertwiederholung in Frankenberg wird von MDR Figaro aufgezeichnet und zu einem späteren Zeitpunkt gesendet
* http://www.blasmusik-sachsen.de/das-ljbo.html

Published in Rezensionen

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