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Neue Orchester-Klangwelten

„Erste Anhörung“ mit der Dresdner Philharmonie in der Musikhochschule

Als Bernd Alois Zimmermann zu Beginn der 60er Jahre seine Oper „Die Soldaten“ dem Gürzenich-Orchester Köln zur Uraufführung vorlegte, gab es heftigen Widerstand. Längst wissen wir, dass da ein Meisterwerk des 20. Jahrhunderts gehoben wurde. Die Vorbehalte gegen das Neue sind vielleicht auch heute noch da, aber in den letzten Jahrzehnten spürt man doch gerade in den Orchestern eine größere Selbstverständlichkeit und Verantwortung gegenüber den aktuell entstehenden Partituren. So kann die erste Annäherung die Scheu nehmen, entsteht fast immer eine Erweiterung des Horizontes.

Für die studierenden Komponisten an einer Musikhochschule ist ein Workshop mit einem Orchester unschätzbar wertvoll – bereits zum siebten Mal führte nun das KlangNetz Dresden die „Erste Anhörung“ in Kooperation mit der Dresdner Philharmonie durch. Einem Workshoptag, bei dem die Stücke zum ersten Mal angespielt wurden, schloss sich im Konzertsaal der Musikhochschule der Abend vor Publikum an. Moderator Jörn Peter Hiekel betonte den fortdauernden Workshopcharakter, die gute Arbeit der Musiker um Dirigent Dominik Beykirch war aber offenkundig. Selbst in schwierigsten rhythmischen Passagen musste nicht abgebrochen werden und die Zuhörer erhielten einen guten Eindruck der erfundenen Klangwelten der drei beteiligten Komponisten.

Adrian Nagel hatte die kleinste Einheit elektronisch darstellbarer Musik zum Thema seines Werkes „Nucleus“ gemacht: das Sample, das in einem bestimmten Wert ein Knacken erzeugt, das aber in verschiedenen Tonhöhen auch perforiert erscheint. Das war in der Übertragung und Fortspinnung mit den Möglichkeiten des Orchesters spannend zu verfolgen: Punkte fransten aus oder bekamen plötzlich eine eigene „Farbe“. Anthony Tan war mit einem ganz anderen Thema in seinem Werk „KSANA I“ beschäftigt: Ksana ist ein buddhistisches Konzept von Zeit – musikalisch lotete Tan sehr klangsinnlich quasi die Modellierung eines Augenblicks und seiner Zerstreuung aus.

Schließlich übte sich Nicolas Kuhn in „Aufriss“ in der absichtsvollen Verweigerung traditioneller Instrumentation und erzeugte ungewohnte Massierungen und in sich rotierende Passagen etwa im Solo-Cello oder in der Kontrabassgruppe – etwas gefährlich war die Zerfaserung seines Werkes in Einzelteile, wodurch sich der beabsichtigte Energie-Effekt etwas reduzierte. Insgesamt gelangen drei sehr anspruchsvolle, abwechslungsreiche musikalische Darbietungen, für deren Gelingen die gute Konzentration der Philharmonie-Musiker und Dominik Beykirchs jederzeit äußerst klare Dirigierzeichen verantwortlich waren. Das Sinfonieorchester, das bewies die „Erste Anhörung“ deutlich, ist noch lange kein ausgereiztes Instrument vergangener Zeiten – Fortsetzung erwünscht!

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