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Stilistisch sattelfest

Leipziger Reinhold Quartett gastierte zum 7. Kammerabend der Staatskapelle

Zu den diesjährigen Musikfestspielen wurde das Gewandhausorchester Leipzig in der Semperoper enthusiastisch gefeiert. Für viele Mitglieder des Orchesters ist der Semperbau aber längst kein „Neuland“ mehr, denn die Kammermusiken der Sächsischen Staatskapelle pflegen schon lange einen Austausch mit den Leipzigern – jedes Jahr kann man sich in einem der acht Kammerabende der Saison davon überzeugen, dass auch an der Pleiße rege Aktivität in verschiedenen Formationen besteht. Das 1996 gegründete Reinhold-Quartett war schon mehrfach zu Gast, zum 7. Kammerabend hatte es ein Programm mitgebracht, das drei sehr unterschiedliche Quartett-Welten vorstellte, damit aber zeigte, wie reichhaltig die Literatur sich darstellt.

Franz Schubert schrieb nicht nur seine berühmte „Unvollendete“ – aus seinen letzten Lebensjahren sind viele Werke in Anläufen und Skizzen überliefert, so auch das als „Quartettsatz“ bekannte Fragment in c-Moll. Rhapsodisch, fast experimentell arbeitet Schubert hier mit Motiven und Bewegungsmodellen, und bevor man sich beim Zuhören in den Satz eingefunden hat, ist er auch schon wieder vorbei. Das Reinhold Quartett sorgte hier für viel Deutlichkeit und baute sogleich eine gemeinsame Spannung auf, gleichwohl war hier noch ein wenig Nervosität an manchen Übergängen vorhanden.

Ganz andere Spiel- und Höranstrengungen benötigt das 5. Streichquartett von Philip Glass – sein bislang letztes Werk dieses Genres, geschrieben im Jahr 1991. Im bekannten „Dialekt“ der minimalistischen Glass’schen Musiksprache ziehen hier die Harmoniefolgen wie Bäume am Zugfenster vorbei. Dass die Erzeugung derselben einiges an Tempogefühl und überdeutlicher Artikulation benötigt, merkt man angesichts der Summe der im Ohr zu stapelnden Akkorde nicht auf den ersten Blick. Schlicht faszinierend war zu verfolgen, wie Dietrich Reinhold, Tobias Haupt, Norbert Tunze und Christoph Vietz dem Quartett Leben einhauchten, wo doch eigentlich nur eine Sound-Tapete da auf den Notenständern liegt, die mal mehr, mal weniger aufmerksamkeitsheischend wirkt.

Eine ganz andere Welt tat sich nach der Pause auf: Bedřich Smetanas 1. Streichquartett „Aus meinem Leben“ ist ein hochromantisches Meisterwerk der Gattung. Viele Komponisten vertrauten gerade dem Streichquartett die intimsten Gedanken an – der schon von Ohrgeräuschen und beginnender Taubheit geplagte Smetana hält hier Rückschau auf ein bewegtes Leben mit all seinen Leidenschaften. Die Aufführung geriet zum Höhepunkt des Konzertes: das Reinhold Quartett formte – mit wenigen Einschränkungen im zweiten Satz – eine sehr emotionale, mutige und im gegenseitigen Verständnis gelungene Interpretation, bei der man das Gefühl hatte, die Musiker würden sich an keiner Stelle vor den Komponisten stellen. Wie in allen Beiträgen des Abends war hier viel Verständnis und Können für die Stilistik und die Aussage des Werkes vorhanden.
(26.6.14)

Published in Rezensionen

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