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Brennen für Beethoven

Gala-Konzert mit überraschendem Finale beim Moritzburg Festival

Mit einem „Gala-Konzert mit anschließendem Dinner“ wartete das Moritzburg Festival am Freitagabend auf. Nimmt man Gala wörtlich, so definiert man damit eine besonders festliche Veranstaltung, einen Höhepunkt des Festivals gar? Doch vermutlich musste nur für das für normalsterbliche Besucher im Preis unerschwingliche Gesamtpaket aus Konzert und Exklusiv-Dinner ein Name gefunden werden. Die Programmauswahl rechtfertigte den Titel nicht unbedingt, wenngleich man dem Festival insgesamt mühelos das Flair des Festlichen bescheinigen kann.

Da alle Gäste noch ein 4-Gänge-Menü zu absolvieren hatten, beließ man es im Konzert bei drei kompakten Gängen ohne Pause – etwas mehr als eine gute Stunde Musik kam da zusammen. Wirklich festlich waren die zu Beginn vorgestellten „Quatre Petite Pièces“ von Charles Koechlin (1867-1950) auch nicht gedacht. Einerseits war man froh, dass der unkonventionelle französische Tonsetzer endlich mal wieder in einem Konzertprogramm auftauchte, doch diese kleinen Stücke sind eher klassische Studien – wenn der Reiz der aparten Besetzung Violine, Horn und Klavier sich gerade einmal entfaltete, war das Stück auch schon zu Ende. Mira Wang (Violine), Felix Klieser (Horn) und Alessio Bax (Klavier) zeigten dabei vor allem mit gedeckten, warmen Klangfarben, dass auch eine Miniatur erfreuen kann – der Komponist hingegen sollte nicht an diesen Stücken gemessen werden, da gibt es noch ganz andere Diamanten zu entdecken.

Jan Vogler und Janne Saksala gaben sich dann dem Duo D-Dur für Cello und Kontrabass von Gioachino Rossini hin, wobei Hingebung die Musizierweise der beiden wohl treffend beschreibt: die leichtfüßige Virtuosität und der buffoneske Humor wurde schön herausgearbeitet, wobei der Belcanto im tief(st)en Register ebensowenig zu kurz kam wie die bassige Koloratur. Beide spielten Rossini mit großer Geste, und hier ist diese auch angebracht und führt nicht zur Karikatur, sondern zu zwingender Lebendigkeit.

Robert Chen, Annabelle Meare, Lawrence Power, Yura Lee und Guy Johnston fanden sich zum Konzertabschluss im Quintett zusammen und widmeten sich dem Streichquintett C-Dur, Opus 29 von Ludwig van Beethoven in einer solch anspruchsvollen Spielkultur, dass man erschrocken und bewegt auf der Stuhlvorderkante saß. Beethoven kann ja einen Zuhörer furchtbar kalt lassen, wenn die Interpretation die Nervenstränge des Werkes nur partiell erreicht. Hier war aber von den ersten Tönen an klar, dass tiefes Eindringen und extreme Auslotung der Charaktere zur gemeinsamen Sache gehörte. So formten sich schon im ersten Satz homogene Klangfarben und ein atmendes Spiel, bei welchem alle fünf Musiker sich gegenseitig genug Raum gaben, um die zahlreichen Parallelstraßen, Sackgassen und auch findige Abkürzungen der Partiturreise mühelos darzustellen. Ob diese „brennende“ Aufführung dafür verantwortlich war, dass kurz nach Verklingen der letzten Töne tatsächlich die Feuerwehr im Moritzburger Schloss anrücken musste, wird wohl nicht gelöst werden. Unversehrt konnten die Besucher nach einem kurzen Aufenthalt an der frischen Abendluft – fachmännisch Evakuierung benannt – dann aber vom musikalischen zum kulinarischen Menü überwechseln.
(23.8.2015)

Published in Rezensionen

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