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Schneefrei und kontrastreich

Weihnachten in aller Welt mit den MDR-Chören in der Frauenkirche

Jeder von uns kennt die altbekannten Weihnachtslieder und singt sie zu Hause oder in der Kirche, und in diesen Tagen kann man die Vielfalt der musikalischen Weihnacht in vielen Konzerten hören. Weihnachten wird in jedem Land anders gefeiert und auch anders besungen, der Ausdruck reicht von inniger, still geformter Gläubigkeit bis hin zu fröhlichen Festgesängen, von barocker Kunst bis hin zu folkloristischem, manchmal gar kitschigem Arrangement. Wer im Advent aufmerksam das Radioprogramm verfolgt hat, konnte bei MDR figaro ganz persönliche Geschichten und Lieder der Mitglieder des MDR-Rundfunkchores hören, der sich aus Sängerinnen und Sängern vieler Nationen und kultureller Identitäten zusammensetzt.

Im Weihnachtskonzert in der Frauenkirche stellte der Chor am Sonnabend einen Teil dieses klingenden Adventskalenders vor – Volksweisen aus aller Welt wechselten sich mit umfangreicheren Motetten aus dem 19. und 20. Jahrhundert ab. Programmatisch hatte man das Konzert zwar unter den Titel „Friede auf Erden“ gestellt, und natürlich bildete das Weihnachtsfest den roten Faden, aber die insgesamt siebzehn Stücke glichen eher einer flotten Schlittenfahrt um den Erdball, man musste sich seine Pralinen darin selbst suchen.

Gefühlsselige Sätze wie Biebls „Ave Maria“ oder Lauridsens „O magnum mysterium“ verloren hier den Contest gegenüber dem herrlichen Carol „There is no rose of swych virtue“. Den ersten Teil bestritt der von Ulrich Kaiser geleitete MDR Kinderchor – die außerordentliche Qualität dieses Ensembles besteht in selbstverständlicher Intonationsreinheit, Klarheit in der Sprache und differenzierter Gestaltung. Gern folgte man den traditionellen Weisen und manches Lied erklang in moderneren Arrangements wie etwa das zugegebene „Stille Nacht“ mit einer schon etwas kurios anmutenden Orgelbegleitung in der dritten Strophe. Was bei allem herausragenden Können des Kinderchores leider fehlte, war eine emotionale, warmherzige Atmosphäre. Da war die Perfektion insgesamt zu deutlich einhergetragen, und das Fallenlassen in die Schönheit der Melodien fiel gerade deshalb schwer. Eher nüchtern durchorganisiert wirkten schlichte Lieder wie „Maria durch ein Dornwald ging“, während etwa Josef Rheinbergers anspruchsvolle Sätze aus der „Weihnachtsmesse“ in ihrer Farbigkeit mehr überzeugten.

Auch der zweite Teil des Konzertes lebte von Kontrasten – hier das traditionelle französische Lied „Les anges dans nos campagnes“, dort Arnold Schönbergs spätromantisch aufwallendes Chorwerk „Friede auf Erden“. Philipp Ahmann, Chordirektor des NDR Chores, lockte mit flexiblem, auf Klangfülle wie auch Differenzierung setzendem Dirigat die Stärken des Chores hervor und die geisterhaft leisen Passagen des Schönbergwerkes beeindruckten da ebenso wie das später im Frauenkirchenrund gesungene „Es ist ein Ros entsprungen“ in der Bearbeitung von Jan Sandström oder die mit viel Sinn für die schwierige Harmonik locker und transparent gesungenen Weihnachtsmotetten von Francis Poulenc. Mit „El Cant dels Aucells“ (Der Gesang der Vögel), das durch Pau Casals berühmt gewordene katalonische Weihnachtslied, gestaltete der MDR-Rundfunkchor mit Alba Vilar (Solosopran) einen überaus berührenden Abschluss des Konzertes, von der Sehnsucht und dem Heimkommen am Weihnachtsfest kündend. Fehlt nur noch der von Gustav Holst in „In the bleak midwinter“ besungene Schnee, der fiel „mitten im kalten Winter, vor langer Zeit.“

* CD-Tipp: Strålande Jul – Strahlende Weihnacht – Weihnachtslieder aus Deutschland und aller Welt, MDR-Rundfunkchor, Philipp Ahmann (Label genuin)

(21.12.15)

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