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Genuss der Sonderklasse

Leonidas Kavakos und Robin Ticciati gastieren im 5. Sinfoniekonzert der Staatskapelle

Der Begriff des „Fin de Siècle“ ist in der Kunstwelt allgemein bekannt – in der Anwendung auf die Musik der vorletzten Jahrhundertwende ist er zwar auch gebräuchlich, aber man sollte vorsichtig damit sein, über Analysen oder Intentionen von Werken dieser Zeit eine Folie zu legen, die die Gefahr der Indifferenz birgt. Interessant wird es allerdings, wenn die Indifferenz, die dem Begriff schon wegen des Zwischenraums einer Zeitenwende innewohnt, selbst zum Gegenstand der Betrachtung wird.

Insofern hatte das Programm, dass der junge britische Dirigent Robin Ticciati – seit seinem Debüt bei einem Aufführungsabend 2006 ein gern gesehener Gast bei der Sächsischen Staatskapelle – am vergangenen Wochenende zum 5. Sinfoniekonzert zusammenstellte, einen ganz eigenen Reiz. Gustav Mahlers „Blumine“-Satz war ursprünglich zu dessen 1. Sinfonie zugehörig und weist noch frühere Wurzeln auf, doch Mahler strich den Satz wieder aus der Sinfonie, erst 1966 wurden die Noten wiederentdeckt. Ticciati verlieh dem kurzen Stück Atmosphäre und die Berechtigung, in diesem Kontext zwischen Werken des Aufbruchs und solchen mit Nachwehen der Klassik und Romantik zu bestehen.

Auch Jean Sibelius ließ sich im Konzert neu entdecken – dies vor allem, weil mit dem griechischen Geiger Leonidas Kavakos ein absoluter Kenner und Könner des berühmten Violinkonzertes d-Moll, Opus 47 zu erleben war: Kavakos spielte 1991 als erster Sibelius‘ später aufgegebene Originalfassung des Konzertes ein. Seine Interpretation war von hoher Spannung getragen und man konnte sich für seine wunderbare Klanggebung und das sorgfältige Timing nur begeistern – da war selbst ein einzelner Ton wie das schattenhafte Verklingen des 2. Satzes ein Genuss der Sonderklasse. Kavakos legte die Schönheit dieses Konzertes offen, ohne in eine romantisierende Haltung zu verfallen und fand auf seiner Geige nuancenreiche, kupferfarbene Töne, die man diesem Instrument gar nicht zugetraut hätte. Aus innerer Überlegenheit und Ruhe heraus formte Kavakos das Konzert mit starker eigener Zeichnung und Übersicht für einen großen Atem über alle drei Sätze hinweg – daraus sprach äußerste Wertschätzung für die Musik.

Dieser Willen zum Kolorit übertrug sich auch auf die Kapellmusiker, die in den größeren Tuttipassagen von Mal zu Mal mutiger in der Klangfarbe agierten und Kavakos‘ Impulse wunderbar aufnahmen. Wie einmalig und auch im besten Sinne schockierend Musik nicht nur die Zuhörer, sondern auch den Interpreten selbst treffen kann, wurde bei der Bach-Zugabe deutlich, nach der Kavakos sich erst einmal selbst von den gerade verklingenden Noten erholen musste – von der Bühne lassen wollte ihn das Publikum danach kaum noch.

Im zweiten Teil des Konzertes ging es weiter mit Musik an der Zeitenwende: Maurice Ravels 1911 entstandene „Valses nobles et sentimentales“ sind eine eigenartig luftige Zwischenraummusik mit Franz Schubert im Rücken und der walzerseligen Vorkriegszeit im Auge. Robin Ticciati arbeitete die Eleganz dieser Musik hervorragend heraus und sorgte vor allem mit freundlicher Ermunterung für den richtigen Swing im Dreiertakt. Gleiches galt für Claude Debussys Orchesterskizzen „La Mer“ (1905), wenngleich hier die von Ticciati stets spürbare Sorgfalt der Darstellung etwas im Widerspruch zur beschriebenen ungezügelten Naturkraft stand: so säuberlich aufgereiht und gleichzeitig mit weichem, feinem Glanz versehen hat man Debussys Wellenspiele selten gehört.
(25.1.2016)

Published in Rezensionen

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