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musik. notizen.

Unter dieser Überschrift fasse ich Gedanken zu Musik zusammen, die in keine Rezension passen und die keinen literarischen oder wissenschaftlichen Anspruch erheben. Sie kommen mir beim Hören oder Nachhören, sind Einblick in mein Musikdenken, bruchstückhaft, vergänglich, widersprüchlich. Ich schreibe hier nicht von Wahrheiten und Korrektem, sondern von Eindrücken, Bildern, Emotionen und Fragen, die sich mir selbst stellen. Der Blogeintrag wird fortlaufend ergänzt.

Konzert: 5. Sinfoniekonzert der Staatskapelle Dresden, 23.1.2016
Gustav Mahler, Blumine-Satz. Ich wundere mich, dass ich als Mahler-Liebhaber diesen Satz weder jemals live gehört habe, noch kann ich mich überhaupt an diese Musik erinnern, scheinbar besitze ich auch keine Aufnahme. Ein Debüt also? Das Stück ist unverkennbar Mahler, aber mir wird sofort klar, warum dieser Satz aus der 1. Sinfonie verschwinden musste. Nicht weil mit der Fünfsätzigkeit ein Rahmen gesprengt würde, ich glaube eher, weil Mahler das Thema selbst auf die Nerven gegangen sein dürfte und derartig leichtfüßige Motivik ohnehin in der Sinfonie genug zu finden ist. Also eher ein dramaturgischer Kniff, um die Spannung der Satzfolge zu erhalten. Für sich genommen taugt das Stück eigentlich wenig, es ist maximal ein Mahlersches Lied ohne Worte, mit einer netten Trompetenaufgabe versehen.

Ravel, Valses Nobles et Sentimentales. Zwar mir nicht gänzlich unbekannt, aber eher ein Werk, dass in der Vergangenheit kaum Aufmerksamkeit bei mir erzeugte, anders als es beispielsweise die Kraft und geschickte Komposition von „Alborada del Gracioso“ beim ersten Hören tat. Zudem outet sich Ravel als Materialzweitverwerter – gut die Hälfte von „La Valse“ ist in diesem früheren Werk harmonisch wie in der Orchestrierung angelegt. Dass der letzte Walzer im piano verdämmert, irritierte selbst das Publikum in der Semperoper – wie überhaupt der ganzen Partitur ein merkwürdiges Schimmern innewohnt. Vermutlich ist es eines der besten Beispiele des Fin de Siècle (und Ravel war sich dessen sicher nicht bewusst) in seiner Ungelungenheit zwischen französischer Eleganz – der Klavierfassung darf man zudem den Ruch der Perfektion bescheinigen -, Wiener Überschwang und einer leichten Naivität, der Ravel wohl immer wieder erlag, um den eigenen Zweifler in sich ruhigzustellen.

Konzert Philharmonie, 6.2.
Honegger Jeanne d’Arc au bûcher
Was sind das denn für groteske Szenen innerhalb eines eigentlich todtraurigen, dramatischen und geistlichen Oratoriums? Das ist ja komplett alles von Honegger so angelegt und führt zu einem merkwürdigen Zerrbild, Mittelalter nicht als grausame Realität sondern als Opera buffe? Oder wem wollte er da eins über das Ohr hauen? Etwa dem zeitgenössischen Katholizismus Frankreichs? Ich rätsel.

Gedenkkonzert Philharmonie, Kreuzkirche 13.2.16
Barbers Adagio funktioniert auch in der Chorfassung nicht. Eine einzige Sülze aus Akkorden, die so aneinandergeschichtet sind, damit sie DIE EINE Wirkung hervorrufen und keine andere. Das aber hat mit Kunst und mit Komposition nichts zu tun. Im Gegenteil: würde man das Stück in einem herkömmlichen, nicht programmatischen Konzert aufführen, würde jeder fragen: moment, wer ist tot? Man müsste also künstlich noch jemanden aus dem Anlass der Aufführung des Stücks heraus um die Ecke bringen, damit das Stück sich nicht selbst im Wege steht.
Gegeben wurde auch Peteris Vasks „Dona nobis Pacem“ , ein Paradebeispiel dafür, wie man Bach falsch verstehen kann und diatonische Skalen, falsch angewendet, nur noch Leere und Hohlheit vermitteln. Ich gebe zu, dass die Tränendrüse bei anderen Zuhörern leichter zu aktivieren ist als bei mir, aber wenn man mir die Emotion um die Ohren derartig offen um die Ohren haut („sei gefälligst traurig!“, „hörst du den Trost in dem Mollakkord?“, „habe Mitleid mit der absteigenden Tonleiter“), dann gehen meine ansonsten neugierigen Ohren leider zu.

Zwischendurch im Radio: Don Quixote von Richard Strauss, wahrlich ein entsetzliches Stück, wenn man nur mal diese Hauptthemen nimmt, die wie ein schlecht gezeichneter Comic wirken. Er komponiert etwas tapsig-derbes, und das klingt dann tapsig-derb, aber wer will denn so einen Schmarren hören? Dann doch lieber Cervantes lesen. Während ich diese Tirade gegen Strauss schreibe, boxt mir seine Rechte mit brillanter Instrumentation in den Magen, Elektra, Salome und die Metamorphosen hinterherwerfend. Dieser Hund.

7. KapellKonzert Andris Nelsons dirigiert Britten, Zimmermann, Schostakowitsch, 26.2.16
Zimmermann Trompetenkonzert „Nobody knows de trouble I see“
Zum einen: diese unglaubliche Kopfmusik von Zimmermann. Diese geilen Ideen, die durch den Hirnschredder laufen, Ebene um Ebene türmen und letztlich unbrauchbar werden. Tollste Instrumentierung und dann aber eine Sprache, ein Ergebnis, das nur noch mit sich selbst ringt, durch die Musik nicht ins Außen findet, das ist so jammertraurig.

Schostakowitsch 8. Sinfonie – wieder mal ein Baustein im Gefüge: CBC am Anfang – CDC am Ende, diese Sinfonie ist komplett ZENTRIERT, sie schwankt nicht, sondern hat einen derartig sicheren Boden wie ein Ausgleichspendel in einem Wolkenkratzer, vor jedem Erdbeben geschützt. Und dann dieses Entsetzen mittendrin. Und der 5. Satz, den ich nicht verstehe, der wie eine Matrix hinter die Apokalypse (3. Satz mit dem „NICHTS-Largo“ hintendran) gequetscht ist. Warum bloß? Sieg der Naivität, des einfachen Gedankens? Womöglich wieder ein Zugeständnis an wohlfeile sowjetische Musik? Was die Neunte dann überspitzt, klingt hier (ich rede von den scherzando/Allegretto-Passagen im letzten Satz) wie gewollt, aber nicht gekonnt, und schon gar nicht gefühlt. Musik, die keine Antworten gibt, weiterhin. – Ein weiterer Gedanke: es ist das traurigste C-Dur der Musikgeschichte, das da am Ende 33 Takte in den Streichern schimmert. Wie überhaupt die ganze Sinfonie – in einer kompetenten Interpretaion, wie ich sie bei Nelsons wahrgenommen habe – eine unglaubliche Traurigkeit erzeugt.

Schuberts „Große“
Wenn es überhaupt eine Sinfonie gibt, an der man gute und schlechte Dirigenten SOFORT erkennt, dann diese. Ein Stück, das aber auch nun mal gar nicht, überhaupt nicht mit zwei, drei Proben runterzudirigieren ist, was leider auch den Alltag in den Philharmonien darstellt. Was Schubert hier in nahezu avantgardistischer Art ausbreitet, ist eine immense Herausforderung, denn ein falsch betonter Takt, ein spannungsloser Übergang, und ein ganzer Satz, ja die ganze Sinfonie kann derartig in die Bedeutungslosigkeit kippen, dass man es als Hörer fast Schubert anlasten möchte, aber genau darin liegt die Crux. Das Stück ist so genial und gleichzeitig eine Bestie, dass es absoluten Nachvollzug auch noch vom letzten Streicherpult fordert. Vermutlich habe ich deshalb auch noch nie eine Aufnahme oder ein Konzert gehört, das mich restlos befriedigt. Vielleicht gibt es das gar nicht, soll es das nicht geben. Zeichnet man diese Sinfonie zu scharf und missversteht ihre unterkühlte Dramatik, bekommt man ihre Längen um die Ohren gehauen. Widmet man sich der Länge und sucht den großen Bogen, verwischen die Konturen und man übersieht die harmonischen Feinheiten zu leicht. Ein gordischer Knoten.

Strawinsky, Pulcinella-Suite
Ein Stück, mit dem ich in diesem Leben nicht mehr warm werde. Was haben die (Dhiagilew, Strawinsky) sich bloß dabei gedacht? Ein Fisch, der nurmehr als Gräte tanzt. / NB, nach zwei Liveaufführungen durch Philharmonie und Staatskapelle kurz hintereinander: Es ist Unterhaltungsmusik. Und wer mir mit dieser einen und keiner anderen Absicht kommt, gleich welchen Stiles, fährt vermutlich erstmal gegen eine synaptisch fein geknüpfte, dennoch betonartige Wand bei mir.

Mahler, 8. Sinfonie Es-Dur
Nachdem heute das Finale wieder als innerer Ohrwurm mit mir tanzte, begriff ich langsam, dass Mahler ein doppeltes Requiem geschaffen hat. Eines, das ihn komplett überfordert hat in der schon fast irregulären Vermischung von Pfingsthymnus mit dem zweiten Teil des Faust. Und auf eine hier noch nicht erklärbare Weise missversteht er beides und schafft dadurch etwas Neues, nämlich im ersten Teil statt eines Geisteshauchs ein seltsam profanes Babylon, eine Neuzeit-Verirrung, und im 2. Teil geht er nahezu mit Strauss’schem Illustrationseifer an einen Text heran, an dem sich schon ganz andere die Notenblätter und Theaterbretter zerbissen haben. Und dann dieser Triumph am Ende, der am besten funktioniert, wenn man ohnehin keinen Text mehr versteht (beim langsam-gebrüllten Bernstein geht’s am besten), das ist eigentlich die schönste (Prae-)Totenmesse, die man sich vorstellen kann (bloß für wen?), ein sattes Zurücklehnen in den Sarg, Requiem Eins, fini. Und legt man nach der Achten gleich die Neunte auf, so ist plötzlich alles Äußerliche weg, alle „Tausend“ sind weg, die Stühle leer, egal, wo man sich auch hinwendet, man trifft niemanden mehr – außer seinem eigenen Spiegelbild. Und erschrickt. Requiem zwei. — Ich könnte nun noch darüber spekulieren, ob die begonnene Zehnte nicht noch eine Idee verfolgt, die natürlich acht und neun überwunden haben muss – was in transzendente Felder des Jenseitigen führt, aber das lasse ich für heute…

Wagner, Götterdämmerung et. al.
Der erste Akkord im 2. Aufzug: Das b-Moll sagt derart überdeutlich „Kein Zurück. Aus.“, dass Wagner an dieser Stelle eigentlich schon den Ring-Zyklus hätte beenden können. Das war mein Schockmoment heute vor dem Radio. Ansonsten habe ich vermutlich erstmalig einen Bayreuther Ring nahezu komplett per Übertragung verfolgt und bin weiterhin von Wagners Musik ebenso fasziniert wie irritiert. Ich glaube mittlerweile, dass in mir parallel der jeweils größte Ablehner und Befürworter seines Werkes steckt. Die pro- und contra-Listen sind gerade beim Ring immens und schreiben sich auch in jedem Teil neu. Da fällt mir die Waagenjustierung im „Lohengrin“ und in den „Meistersingern“ deutlich leichter – die letzten (BSO-)Meistersinger etwa habe ich nach dem 1. Aufzug beenden müssen, weil mich die Sängerpartien schon in der Intervallanlage permanent nerven. Das kann ich nicht mal geistig begründen, sondern es ist eine körperliche Sache: dieses Dauergeräusch des Quer-durch-die-Lagen-Vor-Sich-Hin-Parlierens, gleich wie groß die Aufmerksamkeit des Hinhörens ist, könnte ebensogut durch einen längeren Aufenthalt an einer Leitplanke einer beliebigen Autobahn ersetzt werden. Und dann setzt man mir den Tristan oder auch den Siegfried hin, und ich bin wieder im Himmel. Merkwürdig.

Gershwin
Gershwin ist so irrelevant.

Published in hörendenkenschreiben

2 Comments

  1. ad Ravel: die Walzer sind recht fantastisch, denke ich. Nur leider schwieriger als die Walzer von Schubert. Aber mit der notwendigen Leichtigkeit gespielt, verkörpern sie den Wiener Walzer noch besser als La Valse.
    ad R.Strauss: als ich so etwas 14 Jahre alt war, hat mir mein Vater erzählt, dass die symphonischen Dichtungen von Strauss quasi Übungswerke für das Hauptschaffen in seinen Opern waren. Insoferne kann die vorliegende Beurteilung leicht nachvollzogen werden. Allerdings finde ich die Alpensymphonie schon großartig.

    • Das ist sie, und ich habe sie hier bestimmt schon zehn Mal live gehört. Mittlerweile mag ich aber die Gleichzeitigkeit des Vorhandenseins der Emotionen von Abneigung ästhetischer Art und Faszination ob des Könnens und der Schönheit mancher Passagen. Wenn sich dies beides vermengt und möglicherweise noch mehr Ebenen durch Interpretation, Erfahrung etc. hinzutreten, hat man eigentlich ein ziemlich irres Konzerterlebnis. Also weiter mit Strauss. Und zu Ravel noch: wenn ich mich recht erinnere, wollte er einen ziemlich „perfekten“ Klaviersatz erfinden, auf der Höhe der Zeit, sehr anspruchsvoll. Habe die Noten leider nicht zu Hause, aber es wäre interessant, sie auch mit anderen Ravel-Klavierstücken zu vergleichen. Die „Miroirs“ sind ja ähnlich „artifiziell“.

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