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Kontrastreicher Quartettabend

Kuss-Quartett bei den Musikfestspielen in der Annenkirche

Sicherlich ist eine kurzfristige Absage bei einem Konzert schmerzlich, doch Musikfestspielintendant Jan Vogler konnte am Sonnabend in der Annenkirche beruhigt verkünden, dass für das aus Krankheitsgründen nicht antretende Hagen-Quartett das renommierte Kuss-Quartett aus Berlin eingesprungen war. Damit war es auch gelungen, ein Ensemble zu verpflichten, das sich seit Jahren Weise dem Werk des ungarischen Komponisten György Kurtág widmet, dessen Musik auch beim Hagen Quartett auf dem Programm stand.

Statt der „12 Mikroludien“ erklang nun sein „Officium Breve“ aus dem Jahr 1989, eine fünfzehnteilige Hommage an den Freund Erne Szervánszky, deren Sätze auch weiteren Personen „in memoriam“ zugedacht sind. Schön, dass Oliver Wille, der zweite Geiger des Quartetts, die Zuhörer auf diese außergewöhnliche Musik mit einigen Worten vorbereitete. Anschließend kümmerten sich Jana Kuss, Oliver Wille, William Coleman und Mikael Hakhnazaryan mit aller Sorgfalt um die Entstehung und das Vergehen des Einzeltons, seiner Position in der Gruppe und vor allem dem wichtigen spezifischen Farbton der Musik, der in jeglicher, eben vergehender und verstreichender Zeit neu zu mischen ist.

Dieses intensiv dargebotene, von tiefem Ernst sprechende Werk war ein deutlicher Kontrast zum zu Beginn des Konzertes vorgestellten Quartetts Es-Dur „Der Scherz“ von Joseph Haydn. Abgesehen von der puren technischen Neuerung, dass Haydn hier den Menuettsatz durch ein Scherzo ersetzte, ist der später beigefügte Titel wörtlich zu nehmen, denn Haydn sitzt besonders im Finalsatz der Schalk im Nacken und führt seine Zuhörer mit dem hinausgezögerten Schluss auf’s Glatteis. Das Kuss-Quartett zeichnete dies höchst lebendig nach, fand aber auch Sinnlichkeit für den ariosen dritten und die italienisch anmutende Atmosphäre des ersten Satzes – das klang locker und unbeschwert.

Das Hauptwerk des Abends war das Streichquartett „Der Tod und das Mädchen“ von Franz Schubert. Dieses von Dramatik, Melancholie und viel empfindsamer Moll-Welt bestimmte, großartige Werk war beim Kuss-Quartett in kundigen Händen. Die Interpretation barg manche Überraschung, was im Grunde erst einmal die Sinne für das Neu-Hören schärfte. Sehr überzeugend gelang der zweite Satz mit den Liedvariationen vor allem, weil das „con moto“ ernstgenommen wurde und nicht auf der Stelle trat. Hingegen war die Klangkultur im Scherzo und im Finale von selten atmendem, in Tempo wie Dynamik eher geradeaus durchgezogenem Spiel bestimmt – man kam Schubert im übereilten Presto, in dem auch das Timbre unangenehm geräuschvoll und in der hohen Lage der Violinen oft scharf anmutete, nicht mehr so nahe wie zuvor.

Published in Rezensionen

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