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Skandinavischer Akzent mit viel Emotion

Vilde Frang und Santtu-Matias Rouvali gastieren bei der Dresdner Philharmonie

Die Karriere junger, hoffnungsvoller Instrumentaltalente in der klassischen Musik ist heutzutage von vielen Faktoren abhängig – oft kommt es auf die richtigen Kontakte zur richtigen Zeit an. Der 29-jährigen, in Oslo, Berlin und München ausgebildeten norwegischen Geigerin Vilde Frang hat Anne-Sophie Mutter als Mentorin vermutlich vor allem vermittelt, dass man seinem eigenen Können und seinen Stärken vertrauen sollte. Nicht anders ist das aufregende Gastspiel zu erklären, das Vilde Frang am Sonnabend mit der Dresdner Philharmonie in der Frauenkirche gab.

Das populäre Violinkonzert von Erich Wolfgang Korngold ist nur bei erstem Hinschauen ein Selbstläufer – dem kompositorischen Wunderknaben flossen auch im amerikanischen Exil die Melodien nur so aus der Hand. Doch gerade die Charakterzeichnung dieses Werkes ist anspruchsvoll, zudem dem mit Finessen gespickten Solopart eine farbig schillernde Orchesterbegleitung beigegeben ist, die Dialoge wollen erst einmal zusammengesetzt sein. Vilde Frang ging das Konzert durchaus kompromisslos an: Emotionales, vom Körper natürlich getragenes Spiel stand ohne Frage bei ihr in allen drei Sätzen im Vordergrund. Das führte zu einer von Hochspannung getragenen, gut beherrschten Interpretation im ersten Satz und zu traumhaft schönen Momenten vor allem im zweiten Teil des zweiten Satzes.

Äußerst vorsichtig begleitete die Dresdner Philharmonie unter Leitung des Finnen Santtu-Matias Rouvali die Solistin – das war auch notwendig, denn Vilde Frang überraschte einige Male mit freier, flexibler Gangart und zog vor allem im dritten Satz das Tempo derart an, so dass nicht nur die Philharmoniker flott schalten mussten, sondern auch die Zuhörer wenig Atem zum Verweilen erhielten. Letztlich war aber die Konsequenz, mit der Frang ihren auch klanglich jederzeit beeindrucken Ritt durch das Konzert durchzog, absolut überzeugend und dafür gab es großen Beifall. Der steigerte sich am Ende des Konzertes noch einmal, denn der junge finnische Dirigent Rouvali sorgte noch für ein weiteres außergewöhnliches Musikerlebnis.

Die 1. Sinfonie e-Moll von Jean Sibelius steht manchmal etwas im Schatten der späteren, populäreren Sinfonien des Komponisten, doch Rouvali behandelte sie von den ersten Takten an als zu polierenden Diamanten und konnte dabei dem Können der Dresdner Philharmonie vertrauen, die seine ebenfalls körperbetonte, von viel Emotion getragenener Interpretation gut umsetzte.

Offenes Potenzial gab es manchmal in unterschiedlicher Auffassung der Pulsation der Musik, hier und da auch in der Genauigkeit, so etwa der Rhythmisierung des Hauptthemas nach dem wunderbar entspannten, einleitenden Klarinettensolo im 1. Satz. Ein permanent unterschwellig zu spürender Drang in der Musik konnte etwa in den Orgelpunkten der tiefen Instrumente auch zu unterschiedlicher Spannungsauffassung führen. Doch vielleicht offenbart auch gerade diese Tatsache die Lebendigkeit der Aufführung, die niemals zu ausgestellter Perfektion führte, sondern eher zu einer Betrachtung mit großem Anspruch und viel inniger Liebe, die Rouvali vom Dirigentenpult unzweifelhaft zu diesem Werk verströmte. Dementsprechend erlöst und gelöst reagierte der sympathische Finne auch nach den letzten beiden Pizzicati, mit denen sich Sibelius‘ Sinfonie in einen offenen Klangraum verabschiedet – die skandinavischen Klanggemälde im Frauenkirchenkonzert gelangen intensiv und mit Leidenschaft.

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