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Der Geist der Kammermusik

Mozart, Prokofjew und Tschaikowsky beim Moritzburg Festival

Eher selten ist das beliebte Kammermusikfestival in Moritzburg in den ersten Augustwochen bei derart frischen Lufttemperaturen gestartet wie am Dienstagabend, als die frisch vereinte Musikerriege zum ersten reinen Kammermusikabend in die Kirche Moritzburg einlud. Frisch allerdings war auch die Interpretationstemperatur des Abends und nach den drei dargebotenen Werken war auch klar, was man wieder ein Jahr lang an diesem Ort vermisst hatte: den Geist der Kammermusik, der sich sofort und unmittelbar wieder einstellte, als sei er gar nicht eine ganze Jahresfrist in der – frischen – Luft verschwunden gewesen.

Zu Beginn schlossen sich Arnaud Sussmann, Annabelle Meare, Pauline Sachse, Lawrence Power und Li-Wei Qin mit ihren Streichinstrumenten zum Quintett zusammen, um Wolfgang Amadeus Mozarts B-Dur-Quintett KV 174 darzubieten. Und das klang ganz so, als würden die fünf selten etwas anderes machen, als gemeinsam Kammermusik zu entwickeln. Sich im  Zusammenspiel gegenseitig zu bereichern und somit einzigartige Aufführungen entstehen zu lassen, das ist wohl auch das Erfolgsgeheimnis des Festivals. Das Füllhorn der frühen Mozartschen Kompositionskunst wurde hier mit viel Sorgfalt für die Linie, für die geistvolle Überraschung und auch mit ordentlich Eleganz ausgegossen. Letzteres sorgte dafür, dass hier keineswegs der Eindruck eines gar zu harmlosen Frühwerks entstand, sondern Mozart auf der Höhe seiner Zeit verortet wurde und man beim sehr einfühlsam im Unisono ausmusizierten Thema in 2. Satz einen weiteren langsamen Mozart-Satz zu der ohnehin schon umfangreichen privaten Sammlung unglaublich schöner langsamer Mozart-Sätze hinzufügen durfte.

Die Personenanzahl auf der Bühne reduzierte sich im folgenden Werk auf zwei, und in der Sonate C-Dur Opus 56 von Sergej Prokofjew ist als Instrument nur die Geige vertreten. Doch Gedanken von Reduktion oder Zurücknahme kamen gar nicht erst auf, als Kai Vogler und Benjamin Beilman loslegten. Das Stück ist keineswegs mehr eine Hausmusik-Duosonate, wie man sie aus dem 19. Jahrhundert kennt, sondern erinnert trotz einer kompakten Form an Prokofjews in dieser Zeit geschriebene sinfonische Werke und Ballette, die einen reifen, dramatisch und dramaturgisch entwickelten Stil aufweisen. Spannend war zu verfolgen, wie zwei sehr unterschiedliche Künstlerpersönlichkeiten dieses Werk bereicherten – ein doppelter Vogler oder doppelter Beilman wäre nur halb so spannend gewesen als eben dieser in allen vier Sätzen hochvirtuose Dialog, der sich mal messerscharf akzentuiert, mal mit großem kantablem Bogen darstellte.

Diese musikalische Dichte wurde nach der Pause noch potenziert: in Peter Tschaikowskys Streichsextett „Souvenir de Florence“ gestalteten Valeriy Sokolov, Annabell Meare, Lawrence Power, Pauline Sachse, Jan Vogler und Narek Hakhnazaryan einen unglaublich intensiven Klangstrom, der alle vier Sätze einheitlich in der von Instrument zu Instrument stets weitergetragenen Höchstspannung verband. Gleich ob es die für Tschaikowsky typischen Steigerungen waren, elegisch auseinanderdriftende Einsätze oder durch schwingende Pizzicati begleitete Soli – diese rauschhafte, schon fast sinfonische Kammermusik begeisterte das Publikum und war der Höhepunkt eines insgesamt äußerst frischen und den Geist der Kammermusik ausdrücklich huldigenden Abends.

CD-Tipp:
* Jan Vogler, Moritzburg Festival Ensemble: „Tschaikowsky“ – Rokoko-Variationen, Streichsextett „Souvenir de Florence“ u. a., SONY 2016

Published in Rezensionen

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