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Tauernradweg 2016 – Teil 1

Ich bin ja kein Reiseblogger, aber heute mache ich mal eine Ausnahme, denn meine gerade beendete Sommerreise soll hier Erwähnung finden – schon allein deswegen, da ich die Tour nur absolut empfehlen kann. „Erwähnung“ ist vielleicht untertrieben, nach etwa 20.000 Zeichen denke ich, dass ich den Text dann doch besser in zwei Folgen aufteile. Heute also Tauernradweg Teil 1: Krimml – Salzburg.

Das Radwegenetz in Österreich ist sowohl für längere, entspannte Touren als auch für Mountain- und Crossbiker enorm vielfältig und hervorragend angelegt; man hat eher die Qual der Wahl, wo es denn überhaupt hingehen soll. Nach der schon eher klassischen Donautour Passau-Wien im letzten Jahr entschied ich mich nun für den kürzlich auch vom ADFC ausgezeichneten Tauernradweg, der über 310km von den Tauern her flussabwärts Saalach, Salzach und Inn folgend von Krimml über Zell am See und Salzburg nach Passau führt.

Nochmal die Oma anrufen, und dann los!
Nochmal die Oma anrufen, und dann los!

Da ich im Urlaub aktive Entspannung benötige und es mich eher langweilen würde, länger an einem Ort zu sein, ist der Tauernradweg genau richtig, da man jeden Tag etwas Neues sieht oder entdeckt, und wenn man genug Zeit mitbringt, auch seitwärts der Tour viele Ausflüge machen kann. Selbstverständlich könnte man die Tour auch in 5-6 Tagen durchhecheln, aber darum ging es mir nicht. Meine längsten Etappen waren 83km (da war ich aber auch einen halben Tag mit Pausen unterwegs), die kürzeste lag um die 20km. Ein bikeline-Tourbuch von Esterbauer war unterwegs sehr hilfreich für die Planung, aber auch für alle möglichen Tipps und Ausflüge.

Der Start des Tauernradweges befindet sich in Krimml auf gut 1000m Höhe, fast am Ende des Pinzgau, mitten in den Hohen Tauern gelegen und nah an den berühmten Krimmler Wasserfällen gelegen. Krimml kann man mit der Pinzgauer Lokalbahn sehr gut von Zell am See aus erreichen. Dort hatte ich allerdings schon 10 Bahnfahrstunden von Dresden aus hinter mir. Die Pinzgauer Lokalbahn fährt stündlich, ist auch auf Radfahrer eingestellt und hat entweder ein Abteil oder gar einen ganzen Rad-Güterwagen in der Zuggarnitur. Am Endbahnhof in Vorderkrimml befand sich mein Gasthof „Marienhof“, ein idealer Ausgangspunkt für alle Touren, wie sich herausstellen sollte. Denn ist man einmal hier, sollte man sich nicht gleich auf den Radweg hinunter stürzen, sonst verpasst man einige Highlights der Hochalpen. Weniger attraktiv sind die Touristenmassen, die sich dort ähnlich der Wassermassen die Felsen entlangschlängeln. Doch da das Wetter für eine Radtour am ersten Tag noch zu unbeständig war, standen die wirklich eindrucksvollen Fälle zu Fuß auf dem Programm – die Wirtin gab mir aber sogleich den Tipp mit, zum Aufsteigen nicht den ausgebauten Touristenweg zu nehmen, sondern den „Alten Tauernweg“. Den benutzte auch schon Karl IV 1365 als Alpenübergang – weit hinten im Achental, an der etwa 20km entfernten Birnlücke, die die Westgrenze der Venediger-Gruppe bildet, geht es hinüber ins italienische Tauferer Ahrntal.

Alter Tauernweg an den Krimmler Wasserfällen
Alter Tauernweg an den Krimmler Wasserfällen

Von Vorderkrimml führt der Radweg noch ein Stück hinauf zu den Wasserfällen, wo es auch ein Informationszentrum und die „Wasserwelten“ gibt, dann muss man sich aber links am Waldrand halten, um den Tauernweg zu finden. Den begeht man besser zu Fuß, denn er führt steil bergan (dennoch kamen mir zwei Freaks auf MTBs entgegen, denen konnte ich nur „gute Fahrt“ wünschen…) – die Wasserfälle überwinden in 3 Stufen einen Höhenunterschied von 385 Metern.

An den Krimmler Wasserfällen.
An den Krimmler Wasserfällen.

Das große Pro ist, dass man auf diesem Weg fast alleine zumeist im Wald unterwegs ist und die Touristen allenfalls hinter den rauschenden Wassermassen auf der anderen Seite auf ihren Aussichtsplattformen als kleine Figuren wahrnimmt.

Blick hinunter.
Blick hinunter.

Oben angekommen weitet sich das Tal wieder zu einem Alpenhochtal – das Krimmler Achental, für das ich am nächsten Tag eine Extratour (Wirtin: „Das müssen Sie unbedingt machen!“) einplante. Nach einer Jause auf der nahegelegenen Hölzlahner Alm ging es dann, diesmal auf dem normalen Touristenweg, entlang der Fälle wieder hinunter, allerdings musste ich hier – wie am Anfang fast jeden Tag – das planmäßige Gewitter abwarten, das sich vom Zillertal hinüber vom Großvenediger schlängelte, ohne dass ich einen Tropfen abbekam. [Zitat Einheimischer: „wenn’s vom Gerlospass kimmat, konnst zuguckn, aber wenn’s von hinten (vom Tauerngrat) kimmat, nimm die Beine in die Hand.“]

Tauernhaus im Krimmler Achental.
Tauernhaus im Krimmler Achental.

Beim Hinunterlaufen dann begegnete ich der Welt: jung und alt, groß und klein, Singles und Großfamilien. Mit (keuchenden) Hunden, Kinderwagen und gar auf Flip-Flops stiegen sie den Wasserfälleweg hoch und man kann nur hoffen, dass das Naturschauspiel deren Kräfte und Vernunft am Ende revitalisiert hat. Wer genug Geld oder Bequemlichkeit besitzt oder sich aber auch aus gesundheitlichen Gründen den Aufstieg sparen will, kann übrigens ein Taxi (VW T5, kostet etwa 10-15 Euro) hoch zum 3. Fall nehmen, eine Schotterpiste führt in steilen Serpentinen hinauf. Ein Restaurant auf halber Strecke des Fußweges verwöhnt dann noch mit üblichen Regularien, wie einen 1€-Eintritt für die Toilette. Ich wage nicht hochzurechnen, welche marmornen Pissoirs sich mit solchen Verdiensten einrichten lassen könnten. Unten verwöhnen die „Krimmler Wasserwelten“ – eine Art modernes Wassermuseum – vor allem Familien mit allerhand Wissenswerten und spielerisch zu entdeckendem rund ums Thema Wasser.

Blick ins Achental zum Talschluss mit Krimmler Kees und Gletscher.
Blick ins Achental zum Talschluss mit Krimmler Kees und Gletscher.

Der Ort Krimml ist weniger spektakulär, im Winter ist er vor allem Ausgangspunkt vieler Skitouren rund um den Gerlospass und die nahen Zillertaler Alpen. Nach einer Abendradrunde hinunter nach Wald im Pinzgau, die ich mit mehreren Schauer-Stopps in Bushaltestellen und Garagen verbrachte, freute ich mich auf den nächsten Tag: das Taxi war für 9 Uhr bestellt und beförderte mich und mein Rad die Serpentinen hinauf an den oberen Wasserfall, von dem aus sich das Achental weitet. Es ist noch eine kurze Berg- und Talfahrt von hier, aber ab dann fährt man ruhig etwa 20km das Tal hinauf, nur begleitet von Weidevieh, Almlandschaft und einigen Wanderen, Radfahrern begegnet man kaum.

1600m - und das Rad ist noch dabei.
1600m – und das Rad ist noch dabei.

Auf halber Strecke lockt das alte Tauernhaus zur Einkehr, am Ende des Tales beginnt das Krimmler Kees, das in einen schon im Anblick mächtig vorkommenden Gletscher mit der Dreiherrnspitze (3499m) als höchstem Gipfel mündet. Vom Beginn auf etwa 1400m Höhe landet man am Talende auf etwa 1800m. Das Rad parkte ich an einer Materialseilbahn, die hoch zur Warnsdorfer Hütte führt.

Blick von der Warnsdorfer Hütte zur Dreiherrnspitze.
Blick von der Warnsdorfer Hütte zur Dreiherrnspitze.

Es gibt zwar Verwegene, die auch hier noch mit dem Rad hochgurken und ein Alpen-Cross quer über die Tauernkämme vollführen, aber ich nahm die etwa einstündige Wanderung zur Hütte zu Fuß in Angriff, die immerhin schon auf 2340m liegt – damit war dies auch der Gipfelpunkt meiner gesamten Reise. Oben war ich gegen 12.30 Uhr bei herrlichem Wetter. An diesem Tag war das Gewitter erst für 16 Uhr angekündigt, es sollte also eigentlich mit der Rückkehr passen. Die obligatorischen Kasnockerln wurden verzehrt, und Sonnenbrille und Jacke sind dort oben auch angebracht, dafür sind Luft und Ausblick unvergleichlich und man ist hier sehr mit der Natur im Einklang – wie auch die anderen etwa 20 Leute, die zeitgleich mit mir oben auf der Hütte waren. Man bekam das Gefühl, alle sind aus dem gleichen Grund hier oben und genießen es schlicht. Es braucht keine Events, kein Radio dudelte, man konnte durchatmen und sich am Schauen laben.

Materialseilbahn der Warnsdorfer Hütte (diesmal sitzt der Koch drin).
Materialseilbahn der Warnsdorfer Hütte (diesmal sitzt der Koch drin).

Hinunter ging es naturgemäß etwas flotter und auch die Rückfahrt durch’s Achental geht leicht bergab, auf quer auf dem Weg liegende Kühe sollte man achtgeben. Dann aber das gewohnte Bild hinter den Wasserfällen: eine schwarze Wolkenwand. Diesmal dachte ich, ich könnte es noch hinunter schaffen, bevor der Pinzgauer Gewitterzug aufziehen würde. Dafür fehlt mir allerdings noch etwas Alpenerfahrung. Ich bin genau in den Rand des Gewitters hineingefahren und musste mich erstmal in einer Felskuhle unterstellen. Alsdann musste ich natürlich auch den Weg der Wasserfälle nehmen – 380 HM scharf abwärts, allerdings auf der Taxi-Serpentinen-Schotterstraße, jedoch diesmal auf zwei Rädern. Dennoch war ich einigermaßen heilfroh, in dem vom Gewitter leicht aufgeweichten Schotter heil unten angekommen zu sein – die 2km nach Vorderkrimml ins Quartier waren dann entspannt, und die Sonne war auch längst wieder da.

...ein letzter Blick hinauf zum Gipfelpunkt der Tour.
…ein letzter Blick hinauf zum Gipfelpunkt der Tour.

Erst am dritten Tag startete ich also den richtigen Tauernradweg, verließ mit Sack und Pack mein Quartier und begab mich abwärts, denn von diesem Ort aus folgt man den Flüssen ja durchweg talwärts und verläßt somit ganz allmählich auch die Hochalpen, schließlich die Voralpen und blickt sogar nach der Inn-Fahrt am Ende vor Passau auf die so genannte „böhmische Masse“, befindet sich also auch geologisch in völlig anderen Gebieten. Es war mir klar, dass ich damit ein wenig den Höhepunkt – auch höhenmetermäßig gesehen – natürlich am Anfang platziert hatte. Sportlichere Fahrer schlagen sicher gern den umgekehrten Weg ein, aber ich war ja vor allem zur Entspannung anwesend. Daher ließ ich es schön rollen und die ersten 50km durch das weite Pinzgau-Tal waren vermutlich auch die erholsamste Etappe, weil man gar nicht weiß, wo man zuerst hinschauen soll. In die beschaulichen Bergdörfer, die sich im Winter vermutlich zu Skihöllen verwandeln? Links hinauf geht der Blick zum eher sanften Beginn der Kitzbüheler Alpen oder er geht nach rechts, wo sich sauber aufgereiht die Tauerntäler wie Akkordeonfalten anordnen. Leider war es nicht ganz wolkenlos, so dass die Aussicht zum Großvenediger, ins Stubachtal oder Kapruner Tauerntal meist an einem Wolkenknäuel an den Berghängen endete.

Das Wort "Wolkendecke" in seiner vollsten Entfaltung. Suchen Sie bitte das Kitzsteinhorn. (Fotostandort Kaprun)
Das Wort „Wolkendecke“ in seiner vollsten Entfaltung. Suchen Sie bitte das Kitzsteinhorn. (Fotostandort Kaprun)

Ein Kaffee in Mittersill war die einzige Pause vor meinem Zielort Kaprun, und Mittersill selbst enttäuschte als verkehrbelasteter Touristensortierort, da hier die Urlaubsstraßen von Krimml, Zell am See, Paß Thurn und Felbertauern aufeinandertreffen – natürlich mitten durch den Ort, denn der Tourist soll ja am Gasthof oder im Sportgeschäft auch sein Taschengeld hinterlassen. Trotzdem ist das Pinzgau in seiner weiten Talanlage ein eher entspannter Ort, der sich besonders auch für Familien und Ältere eignet – es gibt viele Freibäder und natürlich Wanderangebote, Pferdehöfe und Campingplätze. Ganz anders gibt sich wiederum Kaprun, das mit seinem Tauernhochtal mit dem Kitzsteinhorn und den Hochgebirgsstauseen im Sommer wie im Winter komplett touristisch erschlossen ist. Hier wie auch in Krimml und später in Zell am See konnte ich beobachten, dass die Region vor allem von Arabern stark besucht ist, was nur kurz verwundert – es sind zumeist reiche Großfamilien der arabischen Golfstaaten (Oman/Saudi-Arabien), übrigens sehr viele auch mit Burka/Niqab. Sie sind mittlerweile in dieser Gegend zu einem bedeutenden Wirtschaftsfaktor geworden, denn sie mieten sich oft ganze Häuser oder Hotelsuiten, reisen mit dem SUV umher und nutzen selbstverständlich auch hochpreisige Angebote und Touren. Die Österreicher haben sich darauf eingestellt und das führt nicht nur zu arabischen Speisekarten und Hinweisschildern, sondern auch zu mancher Shisha-Bar oder einem Ali-Baba-Restaurant. Explizit als sächsischer Besucher dieser Region konnte ich sehr stark wahrnehmen, dass der tägliche Umgang mit den Arabern als völlig normal und unkompliziert bezeichnet werden kann. Sicher gibt es auch Ausnahmen und Vorhaltungen, aber hier regieren keine Emotionen oder Vorurteile, sondern der schlichte gegenseitige Nutzen ermöglicht die Normalität: Ich gebe Dir Geld – Du zeigst mir Wasser und Schnee. Denn darum sind die Araber wohl gerne im Pinzgau: solche unbändigen Wasserwelten, saftig grüne Wiesen und schneebedeckte Gipfel samt den idyllischen Bauernhöfen gibt es im Oman schlicht nicht.

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Blick zurück im Glück: Ostufer Zell am See mit Aussicht auf die Tauern.

In Kaprun selbst habe ich schnell einen Gasthof gefunden, ab hier allerdings erreichte keiner mehr die familiäre Qualität von Vorderkrimml. Im Gasthof Oberschneider an der Ausfallstraße lockte allerdings der günstige Preis, dafür hatte ich die Balkonklinke auch beim ersten Öffnen gleich in der Hand, was diesmal wirklich nicht an mir lag. Große Touren habe ich in Kaprun nicht unternommen, da ich erst spätnachmittags ankam und das Kitzsteinhorn auch unter einer ordentlichen Wolkendecke lag. Als 12-jähriger war ich überdies schon einmal bei den Stauseen, so dass ich es diesmal bei einer Erkundungstour durch’s Dorf beließ, an dessen Rand eine große Sommerrodelbahn volksfestartige Stimmung verbreitet – im Dorf selbst freuen sich teure Boutiquen auf (arabischen) Besuch. Ich wurde mehr von einem Grillhendlstand angelockt – in zünftigen Gasthöfen würde ich noch oft genug einkehren auf der Reise.

Pinzgauer Bladln: Omi wirft was ins Öl und es schmeckt superlecker.
Pinzgauer Bladln: Omi wirft was ins Öl und es schmeckt superlecker.

Am Abend unternahm ich noch eine 10km-Tour nach Zell am See, da es ein Mittwoch war. Und Mittwochs feiern die Zeller mit ihren Gästen ein Sommernachtsfest in der Innenstadt. Nicht mit Jodelei und Alpenkitsch, sondern sehr modern mit Streetfood, Comedians und vielen Bands und Musiktruppen. Dort konnte man sich auch prima durchfressen, ich beließ es allerdings bei Eis und Pinzgauer Bladln. Und auch hier feierte man gemeinsam mit den Touristen aus aller Welt. Zell am See ist allerdings etwas führnehmer, so dass man hier keine ausschweifende Völkerverständigungsparty, sondern eher gesittetes Nebeneinanderfeiern wahrnimmt.

Sommernachtsfest in Zell am See.
Sommernachtsfest in Zell am See.

Am nächsten Morgen ging es von Kaprun aus weiter – die nächste Etappe führte mich nun bei Tageslicht an Zell am See vorbei und da ich schon die Stadt besucht hatte, fuhr ich auf der anderen Seeseite herum. Zu empfehlen war diese Variante nicht unbedingt, denn außer einem schönen Weg durch ein kleines Naturschutzgebiet an der Südseite des Sees radelt man eine Landesstraße entlang und hofft von keinem Ferrari oder SUV aufgespießt zu werden. Da die Villen am Ostufer allesamt privat sind, gibt es keinen direkten Uferweg, der Blick auf den See ist also nur punktuell, etwa am Steg in Thumersbach möglich. Spannender als diese doch vom Geldadel geprägte Region um den See -die mich ein wenig an Locarno erinnerte – fand ich allerdings den flachen Weg von Kaprun nach Zell am See. Hier weitet sich nämlich das Tal etwa auf Höhe des kleinen Flughafens derart in drei Richtungen, dass man einen auch verkehrstechnisch wichtigen Punkt erreicht: im Süden der Alpenkamm der Tauerngruppe mit Großglockner und Kitzsteinhorn, dann geht es in den Osten in den Pongau und hinüber ins Ennstal, nach Westen der Blick ins Pinzgau-Tal mit den Kitzbüheler Alpen an der Nordseite. Und ganz nach Norden über den See hinweg kann man schon erste Blicke in Richtung Steinernes Meer und Hochkönig-Massiv wagen.

Am Steinernen Meer, kurz vor Maria Alm.
Am Steinernen Meer, kurz vor Maria Alm.

Ist man um den See herum, geht der Radweg nun am östlichen Hang entlang nach Norden. Über Maishofen und einige kleinere Weiler erreicht man bald Maria Alm (802m), das auf einem Hochplateau vor dem Steinernen Meer mit Schönfeldspitze, Brandhorn und Selbhorn liegt und weiter im Osten vom Hochkönig gegrüßt wird, während im Westen sich das Tal um Saalfelden hinüber nach Leogang weitet. Weniger bekannt ist der Ort als Geburtsort von Krimiautor Wolf Haas, aber das soll hier auch aus speziellem Grunde erwähnt werden. Auch Maria Alm ist ein über Jahrzehnte erschlossenes Skigebiet, was man leider im Sommer auch an den kahlgrünen Hängen und Schneisen sieht. Im Sommer dürfte es allerdings entspannter zugehen – hier und da locken Bergbahnen, ein (kleinerer) Wasserfall oder Sport- und Wanderangebote.

Dorfjet auf den Hausberg Natrun in Maria Alm.
Dorfjet auf den Hausberg Natrun in Maria Alm.

Die auf einer Karte angepriesenen  „Bergbahn im Sommerbetrieb“ führte mich dann am Nachmittag noch auf eine falsche Spur. Ich dachte nämlich, ich könnte dann auch schön mal auf den nächsthöchsten Berg gondeln, die Bergbahn war nur zwei Dörfer entfernt. Erster Fehler: traue nie einer Karte, wenn du das Höhenprofil nicht kennst. Ich befand mich nämlich auf der Hochkönigstraße, die bis nach Dienten und dort über den Sattel (1342m) führt. Und „zwei Dörfer weiter“ heißt dann eben: es geht nach oben. Zweiter Fehler: ich stand dann doch etwas keuchend von der Hinauffahrt vor der Talstation der Seilbahn und musste feststellen, dass die dortigen Bergbahnen im Sommer nach einem besonderen Plan verkehren: drei davon an geraden Tagen, drei an ungeraden. Ungerader Tag, aber ich stand vor einer der geraden Bahnen. Pech. Und sofortige Talfahrt zum Abreagieren.

Auch den Hochkönig gab es nur mit Wattebausch.
Auch den Hochkönig gab es nur mit Wattebausch.

Hätte ich mal gleich den Dorfjet auf den Hausberg Natrun in Maria Alm genommen, den ich dann aufsuchte und der mich zuverlässig im Sessel nach oben kutschierte. Der Dorfjet nimmt sogar Fahrräder mit, denn oben gibt es einen MTB-Trail, auf dem man sich gleich wieder hinunterstürzen kann. Ich nahm aber zu Fuß den „Walderlebnisweg“ auf dem „Erlebnisberg“ (man könnte es auch schlicht „Wandern“ nennen) in Richtung Jufenalm, wo der zugehörige Gasthof auf der anderen Bergseite mit Eiskaffee, übermotivierten Kellnern und jeder Menge „Gaudi“ aufwartete, wozu auch gehört, dass der Gasthof perfekt auf Hochzeitsgäste ausgerichtet ist – man stolpert fast über die eigens zu diesem Anlass in die Almwiese geklatschte Kapelle. Dass zur Kindergaudi nicht nur ein Spielplatz und ein Streichelzoo sondern auch ein Bogenschießplatz gehört, wo die lieben Kleinen auf aufgestellte Gummitiere wie Reh, Hase und Bär schießen können, mutete mir eher merkwürdig an. Zeit wurde es, diesen Ort wieder zu verlassen, da auch schon das planmäßige Gewitter dräute, das aber diesmal irgendwo an der bayerisch-salzburgischen Grenze herumgrummelte und schließlich abzog.

Im Saalachtal hinter Lofer.
Im Saalachtal hinter Lofer.

Nächster Tag, nächste Etappe, diesmal wurde es von der Länge her eine der beiden „Königsetappen“, das wusste ich aber beim Morgenkaffee noch nicht, und dies war auch das Spannende der Reise. Denn natürlich gab es einige schöne Orte, an denen ich verweilen oder rasten wollte, aber ganz durchgeplant hatte ich die Tour nicht, schließlich zählt auch das persönliche Wohlbefinden und – der Wetterbericht. Der aber war nun wieder stabiler als noch im Pinzgau und ich sollte Richtung Salzburg sogar 25-27 Grad mitbringen. Zunächst ging es aber schlicht abwärts, erst in die Ebene von Saalfelden (im Ort kann man sich prächtig verfahren, wenn man, wie ich, schon den kartenmäßigen Tauernradwegeingang in den Ort verpasst hat und zwischen Seniorenheimen, überlasteten Bundesstraßen und Radwegen herumgurkt, die in alle möglichen Richtungen weisen, nur nicht in die, die man annimmt fahren zu müssen, weil „da zwischen den Bergen hindurch müßte es doch eigentlich sein!?“) und dann ins Tal der Saalach. Übrigens ist das schon eine Variante des Tauernradweges – ein anderer führt von Zell am See aus über Bruck, Taxenbach, St. Johann ins Salzachtal nach Bischofshofen und Hallein. Der ganze Weg sieht also eher wie ein etwas unförmiges Bonbon aus.

Kirche von Schneizlreuth.
Kirche von Schneizlreuth.

Bald nach Saalfelden verengt sich das Tal – zur Rechten steigen die steilen Hänge der Westseite des Steinernen Meeres, links sieht man die kaum niedrigeren Leoganger und Loferer Steinberge. Hier ist der Blick schon ganz anders als noch in der Weite vom Pinzgau – und schattig geht es zu, weil man meist am Hang entlang durch Wälder rollt. Allerdings rollt man hier wirklich, denn hier merkt man deutlicher als zuvor den Höhenunterschied. Lofer liegt nurmehr auf 626m, Bad Reichenhall auf 473m. Während man bis Lofer meistens die gut befahrene Bundesstraße als rauschigen Begleiter hat, wechselt man von dort ans Saalachufer, und hier wird nicht nur der Fluß wilder, auch die Abfahrten werden rasanter und zur Abwechslung hat man auch mal ein paar knackige Steigungen (nach Schneizlreuth werden diese allerdings etwas, sagen wir, „fies“) zwischendurch, erfreut sich aber vor allem an der imposanten Fluss-Berglandschaft, während auf den benachbarten Alpen-Bundesstraßen die Menschen dem merkwürdigen Hobby nachgehen, auf diesen verstopften Trassen das Wochenende zu verbringen.

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Die Alte Dame schwingt sich hangabwärts: Predigtstuhlbahn bei Bad Reichenhall.

Ein Besuch in der Vorderkaserklamm bei St. Martin scheiterte leider an einer geschlossenen Zufahrt, dort wurden Unwetterschäden beseitigt, daher war die Klamm nur auf drei Stunden am Abend geöffnet. Mitten im „Busch“ nahe der Aschauerklamm quälte ich mich erneut eine Steigung hinauf, um festzustellen: oben gibt’s Eis an der Staatsgrenze. Damit ist nämlich erstmal Österreich passé, allerdings nicht für lange. Mein heutiges Etappenziel war eigentlich Bad Reichenhall, das ich am Nachmittag nach gemütlichem Ausradeln am Saalachsee und vorbei an der Predigtstuhlbahn (mit der ich nicht fahren wollte, nicht, weil ich Angst vor der „alten Dame“ hatte, sondern weil gerade eine Kabine hinunterkam, in der sich über 20 Leute die Nase plattdrückten – das war mir zu eng da drin) erreichte. Nach kurzem Stop auf dem Rathausplatz suchte ich mein ausgesuchtes Quartier auf und hatte diesmal Pech. „Bin gleich zurück!“ ist zwar ein Schild, das freundlich informiert – aber nach 90 Minuten Warten vor eben diesem Schild wurde es mir doch zu bunt. Reichenhall sollte nicht sein, und die Stadt war mir ohnehin zu idyllisch, kur-ig und leider auch wieder zu offenkundig geldlastig.

Ich bringe Sonne nach Salzburg.
Ich bringe Sonne nach Salzburg.

Also weiter nach Salzburg (als ob es da günstiger oder gar uriger wäre…?). Der Nachmittag war noch jung, und es waren schließlich nur 20km. Durch diese kleine Umplanung hatte ich doch glatt 83km an dem Tag auf dem Rad verbracht, aber die Saalachstrecke war auch wieder ein tolles Naturerlebnis. Zwei andere Radler traf ich noch im Café in St. Martin und – naja, die große Tour kommt einem dann doch klein vor: sie kamen aus St. Moritz und waren unterwegs nach Böhmen, Karlsbad oder Pilsen. Die dabei schon überquerten Pässe (Gerlos war auch dabei) zähle ich hier besser nicht auf, sonst kommen mir noch beim Schreiben die Tränen. Salzburg war jedenfalls am späten Nachmittag vom Freilichtmuseum aus und am Flughafen entlang erreicht, und wenn man den Schildern des Radweges ins Zentrum folgt, landet man auch ohne Gnade auf dem Alten Markt und staunt nach der Alpentour ganz ordentlich: Oh, Menschen!

Hier geht es zum Teil 2, Salzburg – Passau

 

 

 

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