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Tauernradweg – Teil 2

Heute nun endlich folgt Teil 2 meines Reiseberichtes vom Tauernradweg (Teil 1 von Krimml-Salzburg hier). Man kann den Radweg auch als Runde von Salzburg oder Zell am See aus beradeln, ich bin aber von den Tauern aus über Salzburg bis ans Nordende nach Passau geradelt.

Station in Salzburg also, das man von Bad Reichenhall aus relativ bequem über einige kleine Vororte vom Freilichtmuseum und am Flughafen entlang her erreicht. Versüßt wurde mir der Aufenthalt von zwei Freundinnen, die lustigerweise beide in Wien wohnen, aber zu dieser Zeit in Salzburg weilten, und durch die ich am ersten Tag (Biergarten und ein super Pizzeria-Tipp) und zweiten Tag (großer […und leckerer!] Stadtrundgang) Salzburg einmal ganz persönlich und bei herrlichem Wetter kennenlernen durfte. Es war gerade Festspielzeit und zudem Wochenende, dementsprechend proppenvoll war es in der Innenstadt. In der Getreidegasse kommt man sich eher vor, als sei man Bestandteil eines Fruchtfliegenschwarmes, und in Mozarts Geburtshaus ist ein SPAR-Supermarkt. Da empfehle ich lieber mein eigenes Geburtshaus, das sich bald wohl von einer Seilbahn aus bewundern läßt. Doch ist Salzburg so vielfältig und vor allem ist fast alles fußläufig erreichbar (selbst der wunderbare Kaffee im Fingerlos), dass man sich einen abwechslungsreichen Tag planen kann – egal, ob man Natur, Museen, Architektur oder schlicht das herrliche Stadtpanorama genießen will. Auch die Unterkunft war an diesem Tag perfekt – die Salzburg Rooms liegen nahe des Hauptbahnhofes, sind aber trotzdem ruhig und günstig.

Mozart blickt auf seine Wirkungsstätte.
Mozart blickt auf seine Wirkungsstätte.

Nach der Städtetour am zweiten Tag ging es dann am Nachmittag nur ein kleines Stück weiter nach Norden, allerdings nicht ganz auf dem Tauernradweg, da meine schon zuvor gebuchte Unterkunft auf der deutschen Seite der Salzach lag, der eigentliche Weg aber auf der österreichischen Seite entlangführt. Über Saaldorf-Surheim kann ich nicht viele Worte verlieren. Mit „liegt zwischen Freilassing und Laufen“ ist eigentlich schon alles gesagt – ich nehme auch an, dass hier viele Pendler und wenige Einheimische wohnen. Landschaftlich ist es der so genannte Rupertiwinkel, dessen nördlicher Bereich sich bis nach Laufen und Tittmoning erstreckt.

Umdrehen ist vor allem die Devise auf dem Weg nach Surheim, denn immer weiter entfernt sich der Voralpenkamm und Salzburg mit dem Kapuzinerberg. Die Hügel werden sanfter und selbst hier abseits des Salzach-Radweges gab es eigentlich nur wenige ernsthafte Steigungen. In Laufen ist man dann wieder am Ufer der Salzach angelangt – genau in einer Flussschleife liegt die Altstadt mit der gotischen Stiftskirche und den nun bis Passau dominierenden Scheinfassaden an den mittelalterlichen, bunten Häusern. Eine sehenswerte Brücke aus dem Jahr 1903 verbindet Laufen mit dem österreichischen Oberndorf, das etwas quirliger wirkt als das bayerische Gegenüber.

Innbrücke zwischen Laufen und Oberndorf.
Innbrücke zwischen Laufen und Oberndorf.

Im Stadtgebiet befindet sich auch eine Hauptattraktion, nämlich die „Stille-Nacht-Kapelle“ genau an der Stelle, an der am Heiligabend 1818 das berühmte Weihnachtslied von Franz Xaver Gruber uraufgeführt worden ist – übrigens in der Erstfassung für Singstimme und zwei Gitarren, das lernt man hier auch. Ansonsten gab es hier auch ein Kontinuum der Reise, nämlich einen Bauzaun, der sich ebenso in der Vorderkaserklamm und vor dem Salzburger Dom befand. Man macht sich hübsch, wenn ich das nächste Mal vorbeikomme, danke.

Die Etappe wird mit dem Verlassen von Oberndorf unversehends etwas eintönig, denn der nun beginnende Schotterweg geht von nun an gut 16km wie ein gelegter Faden an der Salzach entlang, und da wird schon eine querende Schnecke zur Attraktion. Dennoch kann sich das Auge hier einmal entspannen und auf dieser Radautobahn schnurrt es dahin, bis man die Brücke nach Tittmoning erreicht. Der bayerische Ort gefiel mir kaum, da man sich auf dem Stadtplatz eher wie im Inneren eines Schuhkartons anfühlt, was aber an der Architektur dieser Region liegt – die Häuser sind so brav wie in einem Setzkasten angeordnet und nur ein Café mit plappernden Gästen oder ein kunstvoller Brunnen lockern das Bild der Ordentlichkeit etwas auf. Zudem befinden sich an beiden Seiten des Stadtplatzes Tore, so dass man sich wirklich wie in einer Art Arena vorkommt. Dementsprechend gab es nur eine kurze Rast, und im Gegensatz zum Donauradweg findet man auf dem Tauernradweg wirkliche Radrastplätze, etwa mit Trinkwasserbrunnen zum Auffüllen, eher selten. Hier wäre noch Bedarf, und der ist ebenso bei der Beschilderung ab Salzburg gegeben, denn das Schild „Tauernradweg“ wird nun immer häufiger durch „RS3“ ersetzt, ab und an auch durch „Innradweg“ auf der deutschen Seite. Und insbesondere bei einer rasanten Abfahrt musste ich feststellen, dass plötzlich irgendein Schild in der Serpentine im Gebüsch stand, das zum Abbiegen aufforderte, wo ich längst geradeaus den Berg hinunter war. Bei aller Sportlichkeit sollte man also weiterhin ein wenig die Augen offenhalten…

Ankunft in Burghausen.
Ankunft in Burghausen.

Von Tittmoning nach Burghausen verläßt man kurzzeitig die Salzach, da der Flussweg in einer Sackgasse endet. Verlassen heißt aber hier auch „ab auf den Hügel“ und bis nach Passau sind insgesamt drei solcher Steigungen zu bewältigen, die auf Anhöhen neben dem Fluss führen, von denen man dann wieder gemächlich hinunterradelt. Die zweite dieser Steigungen liegt direkt hinter Burghausen und war in der Karte nicht verzeichnet – ein bißchen Abenteuer muss sein. Burghausen selbst beeindruckt natürlich durch seine auf dem Felsgrat liegende, 1.051m lange Burganlage, die man auch bequem durchradeln kann, ist man einmal zu ihr hochgestiegen. Von oben besehen liegt der malerische Stadtplatz mir der wuchtigen Kirche direkt unter einem – der Turm der Kirche ragt gerade einmal bis zur Burg hoch.

Von oben betrachtet ein "Kirchlein" - Burghausen.
Von oben betrachtet ein „Kirchlein“ – Burghausen.

Und auf der anderen Seite liegt malerisch der Wöhrsee – eine solche Stadtanlage muss man erst einmal hinbekommen. Eigentlich wollte ich hier bereits übernachten, das Unterkunftsangebot war aber hier deutlich teurer als in den kommenden Gemeinden, daher beschloss ich noch weiter zu fahren. Auch dies wurde dann unversehends eine 83km-Etappe, denn bis nach Braunau, wo die nächsten Gasthöfe sind, passiert man nur einige kleinere Weiler. Ein Teil des Weges geht hoch über der Salzach auf dem Radweg an einer Landesstraße entlang. Der einzige Parkplatz an dieser Straße bietet unverhofft einen schönen Ausblick – ein kleiner Waldweg führt zu einem Aussichtspunkt, wo man genau am Zusammenfluss von Inn und Salzach steht. Dieser Teil der (Auen-)Landschaft steht unter Naturschutz und bietet vielen Vogelarten Rast- und Brutstätte, daher führt auch der Radweg oben entlang.

Am Zusammenfluss von Inn und Salzach.
Am Zusammenfluss von Inn und Salzach.

Bald erreicht man Braunau am Inn auf der österreichischen Seite, in meinem Fall mit einem Gewitter-Stopp am nahen Inn-Kraftwerk, wo man sich wenigstens kurz unterstellen konnte. Das Quartier hatte ich auf der deutschen Seite, in Simbach am Inn, vorgemerkt. Richtig, dies ist die Stadt, die mit einigen anderen vor allem in Bayern im Frühsommer 2016 heftigst von Unwettern heimgesucht wurde. Mir lag es fern, dort irgendetwas anzugucken, doch der Weg zum Gasthof führte mitten durch den Ort, so konnte ich zumindest mit eigenen Augen feststellen, wie heftig die Katastrophe gewesen sein muss. Und vieles erinnerte mich an die Dresdner Zustände 2002 und 2013 – aber das Bild zwei Monate später vermittelt eben auch Hoffnung. Obwohl die Stichstraße in der Innenstadt, wodurch die Wassermassen rauschten, ausgestorben schien und natürlich viele Geschäfte zu oder aufgegeben waren, waren überall Handwerker bereits mit Fassadensanierung beschäftigt. Am Bachlauf des Simbachs, der parallel zur Hauptstraße zum Inn führt, waren viele Gebäude abgetragen und man konnte eine deutliche Schneise erkennen – auch hier waren Bagger beschäftigt, letzten Schutt zusammenzutragen und das Gelände zu ebnen. Dass es so schlimm kommen musste, liegt auch an der Hanglage: Oberhalb der B12, die ebenfalls im Juni geflutet würde, spaltet sich der Simbach an den Hügeln in viele einzelne Bachläufe auf, die die Regenmassen nicht bewältigen konnten. Hier oben lag auch der Gasthof und man merkte an der Stimmung der Menschen, dass man bemüht war, zur Normalität zurückzukehren, aber dieses Unwetter wohl auch ins Herz der kleinen Stadt getroffen hat – hier kennt wohl jeder jemanden, der betroffen ist, wenn er nicht selbst Hab und Gut verloren hat. Und problematisch scheint auch der Wiederaufbau zu sein, trotz enormen Spendenaufkommens und schnell verkündeter Hilfebereitschaft seitens der Politik – dazu informiert ein Artikel der Süddeutschen Zeitung gerade dieser Tage.

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Zurück zu meiner Reise – am kommenden Tag besuchte ich vor dem Start der nächsten Etappe Braunau auf der österreichischen Seite, es ist die bevölkerungsreichste Stadt im Innviertel und hat vor allem architektonisch Sehenswertes in der Innenstadt mit malerischen Gassen und der wuchtigen gotischen St. Stephanskirche zu bieten. Von hier ab kann man auf beiden Seiten des Inns radeln, ich entschied mich für die deutsche Seite, da man dort sogleich in der Natur landet.

Farben der Natur am Inn.
Farben der Natur am Inn.

Bis fast nach Schärding fährt man nun durch das Europareservat Unterer Inn, eine herrliche Auenlandschaft, wo der Inn zwar selbst durch Staustufen gebändigt eher langsam vor sich hinfließt, aber sich an den Ufern Flutungsgebiete und Auenwälder mit weit verzweigten Wasserläufen und kleinen Seen anschließen. Oft radelt man aber genau auf der Grenze zur Zivilisation und der Übergang zwischen den Feldkulturen (zumeist Maisfelder) und den Auenwäldern ist schroff, nicht fließend, die Landwirte nutzen hier jeden Zentimeter, was wiederum manche Tierarten aus dem Reservat sicherlich in eine Art begrenzte Lebensweise zwingt, noch dazu nicht frei von Gefahren.

"Vogelfrei" im Europareservat Unterer Inn.
„Vogelfrei“ im Europareservat Unterer Inn.

Leider war mein durchfahrenes Gebiet zu dieser Zeit nahezu „tierfrei“, was vor allem mit dem Jahreslauf der Vogelarten zusammenhängt – Zugvögel waren noch nicht wirklich zur Rast angekommen, andere hatten sich schon in den Süden verabschiedet, man bestaunte also einige eher durch die Ereignisarmut gelangweilt auf den Auenseen Kreise ziehende Enten. Ein zusätzlicher Kick immerhin war die etwas ungenaue Beschilderung auf der deutschen Seite, so konnte ich wahlweise zwischen einigen Dörfern, Auenwäldern und auf Wirtschaftswegen quer durch Maisfelder meinen Weg nehmen. Im Naturkundehaus des Europareservates hatte eine Schulklasse gerade beschlossen, das Gebäude lautstark einzunehmen, daher radelte ich auf die andere Seite nach Obernberg weiter – ein kleines beschauliches Städtchen, das – wieder einmal – mit einem architektonisch schmucken Stadtplatz aufwartet. Kuchenpause und weiter nach Schärding, und einmal darf man sich auch noch anstrengen, denn hoch nach Reichenberg liegt die letzte Steigung der Strecke bis nach Passau an.

Schärding. Ein rares Foto, weil komplett ohne Auto im Bild.
Schärding. Ein rares Foto, weil komplett ohne Auto im Bild.

Schärding selbst ist eine sehr sehenswerte Stadt und entschädigt nach dem letzten etwa 6km währenden Abschnitt an der Autobahn entlang. Die Stadt ist zwar nicht sehr groß (knapp 5000 Einwohner), dafür bietet sich aber an jeder Ecke etwas zum Entdecken, seien es die ohnehin herrlichen Bürgerhäuser, Burgreste, Parks und Gärten wie die Orangerie (mit Lamas in einem Gehege) oder auch gute Restaurants und schmucke Läden. Einziger Nachteil an dieser für Besucher sehr ansprechend gestalteten Stadt: überall Autos, Autos, Autos.

Frühstück mit Ritter.
Frühstück mit Ritter.

Es ist wohl nie jemand auf die Idee gekommen, die Innenstadtgäßchen den Fußgängern zu überlassen, stattdessen gurken die bequemeren Tagestouristen gleich im vierrädrigen Mobil durch die Straßen ohne auszusteigen. Wenn doch, verstopfen sie den großen Stadtplatz, wo man draußen beim Kaffeetrinken den Nicht-Einheimischen beim Rangieren um die Parkplätze zuschauen kann. Trotzdem blieb ich eine Nacht – schlicht, weil ich auch noch eine Nacht bis zur Rückfahrt über hatte. Der Schärdinger Hof mitten in der Altstadt gibt sich sehr gediegen und ist gerade so etwas für eine Nacht – die dicken Vertäfelungen in den Zimmern und Ritterrüstungen im Frühstückssaal sind sicher nicht für jeden Geschmack, ansonsten ist aber auch hier alles sauber und in Ordnung, wie fast in jeder der Unterkünfte auf meiner Reise.

Somit stand also am letzten Tag noch eine lockere 11km-Etappe den Inn entlang nach Passau als Schlussspurt an – samt viel Tagesaufenthalt in der Drei-Flüsse-Stadt. Und das hat sich wirklich gelohnt. Dom und Altstadt habe ich ja schon im letzten Jahr bei meiner Donau-Tour besucht, daher beschloss ich diesmal zur Veste Oberhaus hinaufzusteigen, von wo aus man einen herrlichen Blick hat und zum Amüsement auch noch einen italienischen Kellner im erst vor ein paar Jahren eröffneten Café, der jede Bestellung zu einer Show ausarten läßt.

Blick zu Schloss und Kloster Vornbach zwischen Schärding und Passau.
Blick zu Schloss und Kloster Vornbach zwischen Schärding und Passau.

In der Stadt selbst zog es mich neben vielem Schlendern durch die Gassen auch in den vorderen Bereich der Innenstadt zum Klostergarten, an den die Universität grenzt. Dort herrscht Markttreiben unter reger Teilnahme der Studenten, die zur Mittagspause hier Streetfood oder Mitgebrachtes genießen – vermutlich ist es zu Semesterzeiten hier doppelt so belebt, eine gewisse Beschaulichkeit war der Spätsommerzeit geschuldet.

Am Ziel der Träume. Und der Pfeil weist genau auf den Dom.
Am Ziel der Träume. Und der Pfeil weist genau auf den Dom.

Abends wählte ich mir eine Pizzeria aus, die zwar lecker war, sich allerdings etwas zu umtriebig um die Gäste kümmerte. Mein Hotel war das Garni Herdegen, das sehr günstig zwischen Bahnhof und Altstadt liegt. Bis auf das Zimmer in Tresengreifnähe und Radiobeschallung beim Frühstück war das – vor allem auch preislich – sehr okay für meine letzte Nacht.

Schlussgenuss in Passau. Höchst sehenswerte Stadt und Ziel meiner Reise.
Schlussgenuss in Passau. Höchst sehenswerte Stadt und Ziel meiner Reise.

Von Passau aus ging dann die Rückfahrt mit der Bahn fast schon bequem über Landshut und Hof zurück nach Dresden in gut sechs Stunden vonstatten. Ja, das schafft man mit dem Auto schneller. Aber dieser Urlaub war vor allem zur Entschleunigung, zum Schauen, Bewegen und Innehalten gedacht, und ich glaube, das ist mir gut gelungen. Und ich hoffe auch, ich konnte einigen Lesern die Tour anempfehlen – sie ist größtenteils auch für Familien oder Ältere geeignet und anhand meines langen Textes dürfte deutlich geworden sein, dass es an Kurzweil und Erlebnissen entlang der Strecke nicht fehlt. Nur die Extrembiker, die an einem Tag drei Pässe überqueren, um abends dann völlig fertig wieder in der Penthouse-Wohnung in München zu sitzen, für die ist der Weg nix. Aber die haben auch nicht bis hierhin gelesen.

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