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Bach in der Jetzt-Spiegelung

AuditivVokal mit „Bach durchKREUZT“ im Stadtmuseum Dresden

Es ist eine positiv zu vermeldende Erfahrung, dass die Vielfältigkeit der Programme beim Bachfest Dresden einen höchst unterschiedlichen Zugang zum Werk des barocken Meisters ermöglichen, der sich nicht auf das konsumierende Aufnehmen einer akkuraten (was ist das überhaupt?) Wiedergabe seiner Werke beschränkt. So war das Dresdner Vokalensemble „AuditivVokal“ aufgerufen, am Mittwoch im Stadtmuseum einen Bach-Abend auszugestalten. Selbstverständlich wurde dieser „durchkreuzt“, und das war auch das wörtlich zu nehmende Motto des Konzertes, denn AuditivVokal bewegt sich konsequent in der Gegenwart der Musik, schafft aber Korrespondenzen, Rückblicke und Querverbindungen mit seinen Aufführungen, deren jede schon fast selbst ein Kunstwerk darstellt.

„Bach durchKREUZt“ war schon allein deswegen auch ein bewegtes Konzert, weil die Choreografin Katja Erfurth die Vokalisten auch zu verschiedensten Körperäußerungen, alleine oder im manches Mal kreuzweise angeordneten Ensemble ermunterte. Eine Haltung zu Bach einnehmen, das galt auch für die Komponisten: den Start des ineinander übergehenden Abends gestaltete Peter Motzkus mit einer „TELEMUSIK #1: Call me Bach“ aus und schilderte im Foyer des Stadtmuseums auf augenzwinkernde und irritierende Weise (scheiternde) Kommunikation im Kontrapunkt. „Call me back“ riefen die auditiven Bachsucher, und selbst das Bachfest bekam in dieser Sprachakrobatik sein (Back-)Fett weg. In der Folge hatten die Zuhörer, rund um das auch akustisch eindrucksvolle Treppenhaus im Museum gruppiert, die Möglichkeit, sich in die Nähe zu Bach zu begeben, schauend, hörend, manchmal auch vergeblich suchend.

Ein vom in diesem Konzert vielfach nicht nur im klassischen Sinne beschäftigten Dirigenten des Ensembles, Olaf Katzer, für Singstimmen bearbeitetes Präludium aus dem „Wohltemperierten Klavier“ war noch das Bachischste Beispiel, während andere Kompositionen (Andreas F. Staffels „Sprachlos“ oder Charlotte Seithers „Echoes of O’s“) Ordnungen durchbrachen oder zur Schau stellten und damit aber gerade auf die barocke Tradition dezent hinwiesen. Zwei weitere Uraufführungen positionierten sich deutlicher: Carl Thiemts „Ich… ich lass mein Kreuz zurück“ löste einen B-A-C-H-Klang in vokalen Äther auf und schuf eine fast vertraut wirkende, dennoch schwebend-ungefähre harmonische Atmosphäre, während Barblina Meierhans „In Mot I-III“ die Situation einer Motetten-Erarbeitung kompositorisch dekonstruierte und Fragmente ihres kompositorischen Korpus beraubte, was ein Leerstellen-Hören bewirkte und auch für die Ausführenden eine Herausforderung darstellte. Schließlich wurde auch mit Guillaume Dufays „Missa l’homme armé“ – in Ausschnitten – ein weiter Blick zurück gewagt.

In der Summe entstand so eine große Klang- und Sichtwolke, die eingehend mit einer andauernden, bedeutungsvollen und von den Sängern (und der Tänzeren Therese Wielepp) eindrucksvoll und selbstverständlich umgesetzten Bewegungsarchitektur ein wenig zuviel des Guten, Staunenswerten anhäufte, denn statt eines getanzten Übergangs hätte man sich hier und da Stille gewünscht, auch der fein arrangierte Schluss mit dem liegenden Kreuz aller Mitwirkenden hätte eine extremere Zeitausdehnung vertragen. Doch führt selbst dieser persönliche Eindruck zurück zu Bach, stehen wir doch staunend vor manchem Werk, erfassen in jedem Hören neue Ebenen, sind fasziniert vom organischen Wachsen und Vergehen. So gesehen war dieser Abend in der Jetzt-Spiegelung äußerst wertvoll, um sich wieder frisch den Werken Bachs nähern zu können, Antworten zu bekommen und neue Fragen zu stellen.

  • AuditivVokal tourt gerade durch Südamerika und stellt das dort aufgeführte Programm am 29.10.2016 bei den „Tonlagen“ in Hellerau vor.

Published in Rezensionen

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