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„Ich schätze die Eigenpersönlichkeit eines Orchesters“

Der Österreicher Franz Welser-Möst begann seine Dirigentenkarriere mit Engagements in Lausanne und Winterthur. Von 1995 bis 2002 war er Musikdirektor des Opernhauses Zürich, wo er von September 2005 bis Sommer 2008 auch als Generalmusikdirektor verpflichtet war, 2010 bis 2014 war er GMD der Wiener Staatsoper, wo er sich neben der Pflege des gesamten Repertoires vor allem mit Opern des 20. Jahrhunderts auseinandersetzte (Hindemith, Janácek). Seit 2002 ist Welser-Möst Musikdirektor des Cleveland Orchestra. Nun dirigierte er Gustav Mahlers 9. Sinfonie im 5. Sinfoniekonzert der Sächsischen Staatskapelle Dresden in der Semperoper. Alexander Keuk sprach mit dem Dirigenten.

Sie sind nun zum zweiten Mal in Dresden – Ihr Debüt war erst im Sommer dieses Jahres mit Dmitri Schostakowitschs 7. Sinfonie am Elbufer. Sie wurden ja in Dresden schon länger erwartet…

Dass ich jetzt erst einige Debüts bei Orchestern habe, hängt stark mit meinen bisherigen Beschäftigungen zusammen. Ich war ja ab 1995 in Zürich und habe bis zu 70 Vorstellungen pro Jahr dort dirigiert, dann kam ab 2002 Cleveland hinzu, später dann noch Wien, da ging sich nichts mehr aus. In diesem Jahr bin ich 56 geworden und fange an zu debütieren: beim Concertgebouw in Amsterdam, dann bei der Staatskapelle Dresden, bei der Scala mit meinem ersten Operndirigat und letzte Woche beim Leipziger Gewandhaus. Das ist der reinste Jungbrunnen für mich. Nachdem es 2013 bei der Staatskapelle Dresden nicht geklappt hat, war das nun endlich die Gelegenheit, das Orchester einmal vom Pult aus kennenzulernen. Natürlich habe ich das Orchester früher schon oft gehört, schon zu Blomstedts Zeiten, aber auch in den letzten Jahren selbstverständlich in Salzburg und Wien.

Ihren Vertrag als Chef des Cleveland Orchestra haben Sie gerade verlängert und werden dann im Jahr 2022 zwanzig Jahre dem Orchester vorstehen. Kann man dort also von einer glücklichen Verbindung sprechen? Sehen Sie sich als Wahlamerikaner?

Ich spreche immer vom „Teilzeitamerikaner“, 1993 habe ich das Orchester zum ersten Mal dirigiert, 1999 wurde ich „bestellt“, da war ich eigentlich überrascht und habe mir Bedenkzeit erbeten. Ich dachte, was mache ich denn dann nach fünf oder zehn Jahren, wenn man mich nicht mehr will? Ich dachte damals nie im Leben daran, dass daraus einmal 20 Jahre werden. Nun bin ich wirklich stolz auf diese Verbindung. Das Orchester hat einzigartige Qualitäten: im Zusammenspiel sind wir ziemlich unschlagbar, das ist ein wunderbares Räderwerk, was da ineinander greift. Das kammermusikalische Zusammenspiel, die Transparenz und Raffinesse, das sind einige unserer großen Qualitäten, insbesondere auch im Vergleich mit den anderen amerikanischen Orchestern.

Wenn Sie bei ihren weltumspannenden Dirigaten von Europa nach Amerika wechseln, wie übertragen oder vermischen sich dann Spielarten oder Klangvorstellungen?

Ich schätze die Eigenpersönlichkeit eines Orchesters. Ich wäre ja dumm, wenn ich die Cleveländer wie die Wiener modellieren würde oder umgekehrt. Zwei Kammermusikpartner gehen ja auch aufeinander ein, ohne dass jeder sich aufgibt. Das Dresdner Orchester hat ebenso eine spezielle eigene Persönlichkeit, das merkt man sofort und ich versuche da viel zuzuhören. Von dem aus, was sie mir anbieten, versuche ich zu modellieren, damit dieses Geben und Nehmen, aus dem Musik ja besteht, tatsächlich so fruchtbringend wie möglich ist. Ich wäre ja dumm, wenn ich die wunderbaren Angebote der Soloflötistin oder des Konzertmeisters hier ausschlagen würde.  Ich versuche das dann mit dem Grundkonzept vom Stück in Einklang zu bringen.

Sie haben im Sinfoniekonzert bei der Staatskapelle nur ein einziges, abendfüllendes Werk im  Programm – Gustav Mahlers 9. Sinfonie. Wie proben Sie dieses emotionsgeladene Stück?

Es gibt ein paar Dinge, die man erklären kann, aber man muss vor allem die Architektur erfassen. Wenn Sie ein Haus bauen, fangen Sie beim Fundament an, dann die Außenwände, die tragenden Wände usw. – Sie fangen nicht mit der Couch oder beim Ausmalen an. Es geht von außen nach innen, nicht umgekehrt, das versuche ich auch im Probenablauf. Und mit dem Weltschmerz-Leid-Motiv als einzigem kommen Sie in diesem Stück nicht weit. Da sind die Tänze, die Ländler, eine Groteske, und da ist der 1. Satz, von dem Alban Berg nicht umsonst gesagt hat, „da beginnt die Moderne der Musik“. Das muss man ja bitte auch hören.

Ist dafür bei Mahler auch eine emotionale Distanz nötig?

Sie müssen wissen, wie es geht. Tosca muss niemanden im wirklichen Leben umgebracht haben, um das darstellen zu können. Und je öfter man so ein Meisterwerk macht, desto näher und tiefer dringen sie natürlich auch ein. Herbert Blomstedt habe ich etwa zu meinen Gymnasialzeiten mit der 4. Sinfonie von Anton Bruckner gehört und heute klingt das natürlich ganz anders bei ihm, mit der Lebenserfahrung und der immer neuen Beschäftigung, zum Kern zu gelangen. Sie haben aber recht, ich kann nicht jede Woche Mahler dirigieren – die Musik ist sehr possessiv – dem Hörer und dem Ausführenden gegenüber.

Wie würden Sie jemandem das Stück nahebringen, der es noch nie gehört hat? Welche Geschichte erzählt uns Gustav Mahler da?

Es ist ein großes Kunstwerk, das nachdenkt über den Tod und den damit verbundenen Abschied. Diese 9. Sinfonie ist ein sehr konfliktbeladenes Abschiednehmen. Die Welt, so wie Herr Mahler sie sich erträumt hat, ist in Scherben, und das schon am Beginn des 1. Satzes. Diese Sinfonie ist eine Vision des Immer-Weiter-Gehens, und trotzdem ist da ein Schluss. Auf der letzten Partiturseite finden wir ein Zitat aus seinen Kindertotenliedern: „…der Tag ist schön auf jenen Höhen“, es ist ein großes Fragezeichen, das er hier in die Stille, in das Nichts hinein ausklingen läßt. Das ist nicht wie bei Bruckner, der trotz allen Zweifeln am Ende noch glaubt. Der Herr Mahler glaubt hier gar nichts mehr – der nimmt Abschied und der muss Abschied nehmen und ist sich dessen voll und ganz bewusst.

Dem ist zu entnehmen, dass Sie sich auch bereits auf die Wiederbegegnung in Dresden freuen, ist die Rückkehr bereits geplant?

Wir sind da schon in Gesprächen, ich freue mich sehr darauf, das Orchester und seinen speziellen Klang noch viel näher kennenzulernen. Ich bin nicht für schnell abbrennende Strohfeuer, das sehen Sie ja auch an meiner Tätigkeit in Cleveland über diese lange Zeit. Manche Dinge brauchen auch eine Langfristigkeit: wir haben in Cleveland über Jahre hinweg viel für den Nachwuchs im Publikum getan – mittlerweile ist ein Viertel unseres Publikums unter 20! Das funktioniert nur mit viel Qualität, aber auch großer Leidenschaft, die sich auf die Zuhörer überträgt.

Sie sind ja auch mit Leib und Seele Operndirigent, wäre der Dresdner Graben auch etwas für Sie?

Ich bin der Oper verfallen. Ich habe natürlich Pläne mit Salzburg, Berlin, Mailand, und wir schauen mal, wie es mit den Terminkalendern aussieht. Ich gebe zu, ich würde die Staatskapelle Dresden wahnsinnig gerne einmal aus dem Graben in diesem wunderbaren Haus dirigieren.

Und wie sieht das Weihnachtsfest bei ihnen aus, sie haben ja sehr viele musikalische Verpflichtungen, auch über Weihnachten?

Nein, nach dem Mahlerprojekt habe ich drei Wochen frei und verbringe diese mit meiner Frau im Salzkammergut. Wir haben dort einen Besitz am See und ich versuche die Zeit dort auch sehr bewusst still zu gestalten. Es tut auch einmal gut, dem Trubel zu entkommen und vor allem auch Beziehungen und Freundschaften zu pflegen, das ist für den Menschen Franz Welser-Möst ganz wichtig.

Vielen Dank für das Gespräch!

Foto (c) Matthias Creutziger

 

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