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Standortbestimmung und Aspektsammlung

Im Verlag Metzler/Bärenreiter ist ein „Lexikon Neue Musik“ erschienen – der Dresdner Professor Jörn Peter Hiekel ist Mitherausgeber

lexikonneuemusik-hiekel-utzDie Neue Musik in ihrer Wesensart zu erfassen, zu erklären oder gar schmackhaft zu machen, das ist ein in Buchform bislang eher schwierig und nur vereinzelt gelungen zu nennendes Unterfangen – erst recht, wenn die Anspruch der Autoren ein enzyklopädischer ist. Denn wie will man diese Kunst erfassen, die sich ja gemeinsam mit uns in der Gegenwart bewegt und dabei unzählige Verzweigungen aufweist. Dazu tritt sie in ihrer enormen Geschwindigkeit der auch technischen wie gesellschaftlichen Veränderung und Vernetzung auf, dass man ihr auch bei hingebungsvoller Beschäftigung im Hören, Spielen, Reflektieren dennoch kaum habhaft wird.

Der Laaber-Verlag hat es vor einigen Jahren mit einem Mammut-Projekt versucht: 14 Bände eines „Handbuchs der Musik im 20. Jahrhundert“ sind da erschienen. Im Gegensatz dazu kommen Stefan Fricke und Lydia Jeschke im 2007 erschienenen „Kompass Neue Musik“ auf 159 Seiten nicht über Begrifflichkeiten hinaus. Nun versuchen es der an der Dresdner Musikhochschule tätige Musikwissenschaftler Jörn Peter Hiekel und der Musikologe Christian Utz als Herausgeber mit einem „Lexikon Neue Musik“, erschienen im Metzler/Bärenreiter-Verlag.

Selbstverständlich hat dieses Werk nur wenig mit einer Enzyklopädie im klassischen Sinne zu tun und im Vorwort wird auch gleich von einer Handreichung und Orientierungshilfe gesprochen, der Umgang mit dem Buch „soll die neue Musik als faszinierend vielgestaltige Weitung von künstlerischen Gestaltungs- und Erfahrungsräumen“ ermöglichen. Insgesamt gliedert sich das 686 Seiten starke Lexikon in einen neunteiligen essayistischen Themenbereich und 105 Lemmata von A bis Z.

Interessanterweise hat man nicht nur beim Lesen den Eindruck der Orientierungshilfe, sondern auch der Selbsthilfe der zahlreichen Autoren. Zu wenig ist eigentlich in den letzten Jahren in durchaus einmal nüchterner Darstellungsweise über viele Prozesse, Diskurse, Schattierungen, Haupt- und Nebenschauplätze der Neuen Musik Bericht erstattet worden in einer Weise, dass man von den Definitionen, Begrifflichkeiten und Sammlungen über Fakten und Ereignisse auf Haltungen und Handlungen in der Neuen Musik kommt, ohne gleich im Diskurs auf einer Ebene zu landen, die eben genau die perspektivische Differenzierung eines Lexikons auslassen würde. Der Differenzierungsregler pegelt hier allerdings unterschiedlich aus: im lexikalischen Teil muss natürlich eine Normierung der Textlängen vorgenommen werden, die dazu führt, dass etwa unter „N“ Nationalsozialismus, Nordamerika und Notation in ähnlicher Weise gedrängt erscheinen, auch Instrumente und heutige Spieltechniken können nur sehr allgemein widergegeben werden.

Demgegenüber sind manche Artikel aber von den zahlreichen ausgewählten Experten auf ihrem Gebiet so spannend geschrieben worden, dass sich selbst ein A-Z-Durchlesen zur Horizonterweiterung lohnt. Die Essays und Lemmata stammen unter anderem von Ulrich Mosch, Wolfgang Rathert, Christa Brüstle, Rainer Nonnenmann, Tobias Schick, Lukas Haselböck oder Albrecht Dümling – angesichts von 51 Verfasserinnen und Verfassern wurden aber Autoreninfos ausgespart. Viele Themen regen zum Weiterdenken an, anderes erfordert deutlichen Widerspruch, wie etwa der Osteuropa-Artikel, der jüngere Komponistengenerationen und aktuelle Tendenzen etwa in Russland schlicht ignoriert. Zwei kleine Mankos bleiben außerdem: Neueinsteiger in der Neuen Musik benötigen für die Lektüre doch ein gehöriges musikalisches Grundwissen wie auch eine ausgeprägte akademische Leselust. Und – zweiter Nachteil – leider auch eine gute gefüllte Geldbörse. Muss ein Buch, das eine zwar eine anspruchsvolle, aber viele Leser auch ansprechende und dringend notwendige Standortbestimmung und Aspektsammlung der Neuen Musik formuliert, wirklich 128 Euro kosten?

* Jörn Peter Hiekel/Christian Utz (Hrsg.), Lexikon Neue Musik,  Verlag Metzler/Bärenreiter 2016, 686 Seiten, 128 Euro

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