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Lalala zum Blutbad

John Morans Oper „The Manson Family“ erklang in einer neuen Fassung in Hellerau

Im Zuge des Besuchs einer Opernaufführung ist es selbstverständlich Pflicht und Leidenschaft des Rezensenten, sich über Sujet und Hintergründe eines neuen Werkes zu informieren. Im Fall der Oper „The Manson Family“ des US-Amerikaners John Moran, die in einer neuen Fassung und in einer US-amerikanisch-sächsischen Koproduktion am Donnerstag Premiere im Festspielhaus Hellerau hatte, gleicht eine intensive Recherche einem selbst in inneren Bildern beim Lesen kaum vorstellbaren Horrorfilm. (Linktipp: Artikel zur Manson Family bei Spiegel Online) Was man Seite um Seite in Büchern oder im Internet über die Taten der nahezu 100 Mitglieder umfassenden „Manson Family“ liest, die zwischen 1969 und 1971 im Namen ihres Oberhaupts Charles Manson mehrere Morde beging, ist kaum zu fassen oder zu begreifen. Diese Taten sind über vierzig Jahre her – heute sehen wir uns anderen, ebenso gewalttätigen wie sinnlos-unbegreiflichen Taten Einzelner wie auch Gruppierungen gegenüber. Wie also würde eine künstlerische Auseinandersetzung mit diesem Thema ausfallen?

Man hätte zunächst gut daran getan, eine Überarbeitung und Neufassung der Oper auch inhaltlich zuzulassen. Anstelle an irgendwelchen Soundfiles oder Videodarstellungen zu schrauben, wäre in „The Manson Family“ eine dramaturgische Linie, Spannung und Tiefgang herzustellen gewesen. Doch auch in der in Dresden präsentierten Neufassung wurde eine grundsätzliche Absicht oder Botschaft der Künstler und des auch als Darsteller mitwirkenden Komponisten Moran an keiner Stelle greifbar. Wenn man sich zudem bei Gesang, Tanz und Darstellung auf der Bühne an mehreren Stellen fragt, ob hier Laien zugange sind, oder ob das Stück unfreiwillig gar nicht fertig wurde, dann ist hier schlicht einiges schiefgelaufen. Das fängt schon bei dem gewählten Zugang zu dem – weiterhin unglaublich-unbegreiflichen – Stoff als gerade einmal 45-minütige Nummernoper an, die sich auch noch in drei willkürliche Äktchen unterteilt. Man versucht sich chronologisch und perspektivisch an der Manson Family abzuarbeiten und landet aber mit John Moran in beliebig-belanglosem Lalala zum jeweils eher in der Nebensache erwähnten Blutbad.

Wichtiger erscheinen einige Lichtblitze im Festspielhaus („Oh, Polizei im Saal!“) und dass möglichst oft inbrünstig auf dem Wort „fucking“ im Text herumgeritten wird. Einige der Songs würden auch in einem Kitschmusical kaum weiter auffallen, andere besinnen sich auf Moll, Tritonus und möglichst bassigen Synthie-Sound. Im Original hatte damals sogar Iggy Pop mitgewirkt und aus kaum nachvollziehbaren Gründen gab es einen „Parental Advice“ für den „obszönen“ Soundtrack. Grinsen darob ist allerdings verboten, dafür ist das Thema zu ernst. Wirklich? Aber was sollte dann diese Band-Verballhornung mit Luft-Drummerin auf offener Bühne, was die viel zu solitär und flüchtig dargebotenen Monologe? Wo blieb da eine Auseinandersetzung, die in irgendeiner Weise wenigstens Psychologie, Wahn und Wahnsinn gestreift und vor allem: in Bildern und Tönen zu fassen bekommen hätte?

Die Dresdner „JuWie Dance Company“ zeigte jede Menge guten Willen und stellenweise auch eine gute Szenenpräsenz, etwa in Susan Atkins Court-Monolog im 3. Akt, was vermutlich auch aufgrund von Morans bohrendem musikalischen Insistieren die packendste Stelle war. Doch vieles blieb im Ansatz stecken, das fing bei den Kostümen und damit der Frage nach der Haltung zur Historie an, ging über ein dürftiges Programmheft, das weder zeitgemäße Informationen zum Stück oder Hintergrund, was man eigentlich aus Hellerau kennt und auch erwartet, noch Lied- oder Sprechtexte anbot und hörte bei nervigem Flexaton-Rasseln in Morans Musik auf, die – und damit zerbröseln auch die letzten Buchstaben des Wortes „Oper“ auf dem Titelblatt – nicht einmal live gespielt wurde. Ausschließlich in dieser Hinsicht war es dann doch ein Massaker, aber sicherlich ein ungewolltes.

Bildnachweis: (c) André Wirsing

Published in Rezensionen Weblog

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