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Napoleon versus Stalin?

Dresdner Philharmonie veröffentlicht zweite CD mit Sinfonien von Schostakowitsch & Beethoven

Die zweite Folge des Beethoven-Schostakowitsch-Zyklus der Dresdner Philharmonie erschien letzte Woche bei Sony Classical – nach den beiden sechsten Sinfonien begegnen sich die beiden Komponisten nun erneut. Erstmals wird eine Doppel-CD fällig, denn Beethovens 3. Sinfonei Es-Dur, die berühmte „Eroica“, und die 10. Sinfonie e-Moll Opus 93 von Dmitri Schostakowitsch bieten den Hörgenuss nahezu einer Konzertlänge. Die Kombination der Werke erzielt aber schon jetzt bis zur Komplettierung des Zyklus, die für 2019 geplant ist – ein hehres Ziel, schließlich fehlen noch glatt 20 Sinfonien – einen Aha-Effekt beim ersten Anhören. Und das wird so bleiben, denn gleichwohl für beide Komponisten die Sinfonik Lebenselixier und gleichzeitig Entäußerung bedeutete, sind die Polaritäten eindeutig und weniger als ein Vergleich lohnt die Wertschätzung und Ahnung der individuellen Größe.

Das Spannungsfeld tut sich ohnehin auf, erst recht in der Kopplung ausgerechnet dieser beiden Sinfonien, denen – mit einiger Berechtigung – jeweils ein Persönlichkeitsbildnis mit mehr oder weniger Konturenschärfe angedacht wurde, nämlich von Napoleon Bonaparte und Josef Stalin. Letzterer starb am 5. März 1953 – es ist klar, dass Schostakowitsch, der bereits nach acht Jahren sinfonischem Schweigen wieder großformatiges Orchesternotenpapier auf dem Tisch liegen hatte, sowohl schmerzvolle Erinnerungen als auch das „Wie weiter?“ in der Musik der 10. Sinfonie verarbeitete, deren zweiter Satz gemeinhin als Porträt des Tyrannen gilt.

Bei Beethoven liegt die Sachlage anders, doch auch er war 1803 in einer politischen Großwetterlage eingebunden, die einige Fragezeichen aufwies, und um ihn herum wimmelte es von Requien, Feld- und Trauermärschen – warum also nicht einreihen in Sieges- oder Friedensgedanken und letztlich an das Gute glauben? – Das zumindest ist ein Gedanke, der einem nach dem Hören dieser Interpretation kommt, denn Michael Sanderling, der mit den Dresdner Philharmonikern nun über mehrere Jahre einen wunderbar flexiblen, leicht abgedunkelten aber dennoch schlanken Klang für Beethoven entwickelt hat, scheint das Lichte mehr zu interessieren als das Revolutionäre, Exzentrische, das diese Sinfonie zweifelsohne auch enthält. Die ungezählten Sforzati des 1. Satzes etwa werden in die Satzentwicklung mitgenommen, und auch der Marcia Funebre hat sich in das große Ganze einzubetten, lediglich den Beginn kosten Sanderling und die Dresdner weidlich aus: es ist ein erhabener Marsch, keine öffentliche Beweinung. Mit einem fast kindlichen Staunen geht das Dresdner Ensemble von Mal zu Mal in diese Partitur hinein, Sanderling schafft es vor allem mit einem tollen Timing und mit dem feinen Pulsieren der jeweils das Metrum stützenden Instrumente, eine innere Spannung zu halten. Und doch, ein wenig wünscht man sich gerade auch im akademisch genommenen Finalsatz, dass mit den Dresdnern ein wenig mehr die Pferde durchgehen mögen und der Blick hinter den Spiegel der noch oftmals bestaunten sinfonischen Schönheit gelänge.

Interessanterweise kommen genau die ganz leicht angezogenen Tempo-Zügel in der Schostakowitsch-Sinfonie unheimlich (im Wortsinn!) überzeugend daher, weil Sanderling weit über den einzelnen Takt hinaus denkt und somit Wege und Räume eröffnet. Damit kann sich Ausdruck hier frei entfalten, und man ist begeistert über die hervorragende Horngruppe im 3. und 4. Satz, geht den wunderbaren Soli von Flöte und Klarinette im 1. Satz nach und vernimmt eine blitzsaubere Intonation im gesamten Werk. Gerade die Ecksätze verbindet Sanderling auf frappierende Weise, weil Sanderling im 4. Satz nicht über die Sechzehntel in den Holzbläsern hinwegtobt, sondern im kraftvollen Ausspielen die Intensität steigert: Musik wird zur Sprache, die Pauken signieren fortissimo in den Schlusstakten: „D-Es-C-H“. Ist das heroisch? Ja und Nein. Hören Sie selbst.

* Ludwig van Beethoven: 3. Sinfonie Es-Dur Op. 55 „Eroica“ / Dmitri Schostakowitsch: 10. Sinfonie e-Moll Op. 93, Dresdner Philharmonie, Michael Sanderling (Sony Classical, 2 CDs), erhältlich z. B. bei Opus 61 Dresden

Foto Dresdner Philharmonie (c) Nikolaj Lund

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