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Ein Konzert mit Potenzial zum Nachdenken

Das Singakademie-Projekt „Luther vs. Lenin“ kommentierte die russische Oktoberrevolution und warf einige Fragen auf.

Dass Luther im Jahr 2017 in aller Munde ist, dürfte niemandem entgangen sein, zumal die musikalischen Wirkungen und Beziehungen sich vielfältig schillernd durch fünf Jahrhunderte ziehen. Der 100. Jahrestag der Oktoberrevolution und damit die Figur des Wladimir Illjitsch Lenin wird ebenso in diesem Jahr ebenso aus vielen Blickwinkeln betrachtet. Beide zusammen unter dem Motto „Luther vs. Lenin“ gegenüberzustellen und mit zwei Konzerten zu würdigen, war die Idee der Singakademie Dresden unter ihrem Leiter Ekkehard Klemm. Doch nach dem ersten Konzert, das im Rahmen der Dresdner Musikfestspiele im Konzertsaal der Musikhochschule am vergangenen Sonntag stattfand, brauchte man einige Zeit zum Nachdenken, bevor sich schließlich der Gedanke einstellte, dass ein solches Projekt zwar durchaus umfangreiche Assoziations- und Beziehungsgeflechte eröffnet, aber eben in seiner Komplexität, seinen politisch-religiösen Unmöglichkeiten und Möglichkeiten der Darstellung – zumal in der Reduktion auf Musikalisches – eher gescheitert ist, weil von den sich gegenseitig überlagendern Konzepten, Kommentaren und Konfrontationen nichts zu einem Ergebnis geführt wird. Es bleibt der Klang im Ohr bestehen.

Das Tragischste an der Sache: dieser erste Abend, der um Lenin, Heiner Müller und Bertolt Brecht, Kommunismus, Antisemitismus, Sozialismus, Faschismus, Ost- und Westdeutschland, Oratorium, Arbeiterlied, Vietnam, Russland und Bergsteigen kreiste (um einmal den dramaturgischen Kollaps zu verdeutlichen), interessierte nur eine kleine Schar Besucher. Ekkehard Klemm, der sich immer wieder verdienstvoll für die Musik ostdeutscher Herkunft vor 1989 eingesetzt hat, auch damit ein musikgeschichtlicher Faden nicht dem Vergessen anheim gerät, hatte Werke von Hanns Eisler und Reiner Bredemeyer sowie die Gemeinschaftskomposition „Jüdische Chronik“ auf das Programm gesetzt. Diese Stücke aus der Zeit zwischen 1949 und 1970 konnten ohne Begleitveranstaltung, Podiumsgespräch und Programmheft nicht bestehen, die Musik allein entfaltete keine Wirkung jenseits ihrer Absichten, politische Kommentare oder reine Propaganda ausbilden.

Schon Reiner Bredemeyers leicht chaotisch anmutende „Berichte“ – nach fünfzig Jahren posthum uraufgeführt – und das hörspielartige „Lenin: Eine Art Beispiel“ türmten Rezeptions- und Reflektionsprobleme auf. Warum aber läßt man eine Singakademie, aus der Tradition der bürgerlichen Singakademien des 19. Jahrhunderts heraus entstanden, 2017 ein „Lob der roten Fahne“ singen? Weil es mit Eislers Marschrhythmen so schön im Ohr groovt? Weil ein Konzert so etwas wie ein Zeitdokument sein soll, dem wir auch distanziert oder ablehnend gegenüberstehen dürfen? In diesem Konzert lag die Musik auf dem OP-Tisch, ein Problemfall, dem kaum Rettung beschienen war. Kürzlich gab es mit Schostakowitschs 12. Sinfonie ein ähnliches Dokument im Kulturpalast. Die Lenin-Feierlichkeiten setzten sich hier fort, erst den in der „Jüdischen Chronik“ durchklingenden starken Handschriften von Hans Werner Henze und Karl Amadeus Hartmann wohnte ein so deutliches Eigenleben inne, dass man keinerlei Katechismen oder Parteibücher mehr dazu benötigte. Drumherum: syllabisch-dodekaphone – die wohl langweiligste Musikart des 20. Jahrhunderts – und im zackigen Marschrhythmus des Arbeiterliedes sittsam vorgetragene Ideologie und Kampfparolen, deren Unerträglichkeit in der Aufnahme im Ohr sich vor allem deswegen steigert, weil dies in eine nicht wegzudiskutierende konventionelle – und ungebrochene – Konzertästhetik eingebettet wurde.

Auf diese Weise wurde Eislers Mitläuferpropaganda in der Kantate „Die Mutter“ derart über die Rampe skandiert, dass man dachte: „Wollen die das wirklich?“ Auch durch die Versiertheit der Pianisten Michael Schütze und Alberto Menjón erhielt das Werk viel Sorgfalt in der Interpretation. Die Singakademie in wechselnden Chorbesetzungen konnte hier zwar stimmlich überzeugen, im ersten Teil des Konzertes waren aber einige Male instrumentale wie vokale Grenzen erreicht, denn bei allem individuell starken Einsatz für die anspruchsvollen Werke konnte auch die Sinfonietta Dresden nicht immer einen geschlossenen, souveränen Eindruck erzeugen. Das betraf jedoch nicht die hervorragenden Solisten Elisabeth Holmer (Mezzosopran), Georg Streuber (Bariton), Oliver Kaden (Tenor) und Olaf Bär (Sprecher) und ein Chorsolistenquartett in Bredemeyers „Berichten“, die sich ebenso sachlich-distanziert wie stilistisch sicher in die höchst anspruchsvollen Handschriften einarbeiteten. Für diese Art eines absichtsvollen Konzertunfalls dankt man trotzdem, weil er den Hörer – hoffentlich auch die Interpreten – in den Grundfesten ästhetischer Gedanken und Ausrichtungen nicht ins Wanken gebracht, aber zumindest ordentlich gepiekt hat.

* Luther vs. Lenin Teil II: Ludwig Meinardus – Oratorium „Luther in Worms“, 29. Oktober 2017, Kreuzkirche Dresden

Published in Rezensionen

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