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Schneidend emotionale Interpretationen

Internationale Schostakowitsch-Tage Gohrisch bringen erste CD heraus

Gohrisch – der Name des kleinen Ortes in der Sächsischen Schweiz klingt Wanderfreunden wie Musik in den Ohren. Seit 2010 ist Gohrisch selbst Musik geworden, wenngleich der Bezug viel weiter zurückliegt: 1960 wurde der sowjetische Komponist Dmitri Schostakowitsch in den Kurort eingeladen und schrieb dort sein 8. Streichquartett, ein persönliches, aufwühlendes Dokument einer musikalischen Standortbestimmung. Die am kommenden Wochenende wieder stattfindenden Internationalen Schostakowitsch-Tage Gohrisch, die auf Initiative der Staatskapelle Dresden entstanden, spüren diesem Ereignis seit sieben Jahren nach, vielfältige Bezüge und Verzweigungen vor allem der russischen Musik dieser Zeit und seiner Nachfolgegeneration aufblätternd. Unter Klassikfans ist das kleine Festival längst ein Geheimtipp, für das Orchester bietet das jährliche Konzertwochenende im Grünen eine Abwechslung vom Opern- und Konzertalltag mit spannendem Repertoire, das der Festivalleiter und Dramaturg Tobias Niederschlag jedes Jahr mit den Musikern und Gästen ausarbeitet.

Es war also nur eine Frage der Zeit, bis dieses vorwiegend der Kammermusik und Kammersinfonik – Großwerke sind in Gohrisch nicht möglich und vermutlich würden sie auch die Stimmigkeit und Konzentration beeinträchtigen – gewidmete Festival auch auf Tonträgern dokumentiert würde, nicht zuletzt, um die Konzerteindrücke auch einem breiten Publikum außerhalb der lokalen Umgebung anzubieten. Die erste CD, die in Kooperation mit dem Label Berlin Classics entstand, ist eine musikalisch wie interpretatorisch äußerst gelungene Zusammenstellung und ist dem Dirigenten Michail Jurowski gewidmet, der Schostakowitsch noch persönlich kannte und aufführte. Jurowski dirigierte bei den ersten Festivals bis 2013 mehrere Konzerte und gilt somit als Gohrisch-Künstler der ersten Stunde. Auf der CD steht Schostakowitschs Kammersymphonie op. 110a (die Orchesterfassung des 8. Streichquartetts von Rudolf Barschai) im Mittelpunkt – der Live-Mitschnitt von 2010 ist schneidend emotional und mitreißend. Hervorzuheben ist an dieser Stelle auch die enorm plastische Klanggestalt – die Tontechnik hat da im Konzertzelt ganze Arbeit geleistet.

Stimmig sind diesem Werk Arvo Pärt und der erst vor wenigen Jahren wiederentdeckten Schostakowitsch-Freund Mieczysław Weinberg zugeordnet – überhaupt ist durch Gohrisch und die Staatskapelle eine regelrechte Weinberg-Pflege entstanden, deren folgerichtiger Höhepunkt in diesen Tagen auch die Premiere der Oper „Die Passagierin“ an der Semperoper bildet. Weinbergs „Rhapsodie über moldawische Themen“ ist ein farbenfrohes, schwungvolles Orchesterwerk, das an Bartók gemahnt und Melodien der Volks- und Tanzmusik intelligent verarbeitet. Den Abschluss bildet Schostakowitschs selten aufgeführter Vokalzyklus „Aus jiddischer Volkspoesie“ op. 79 – ein Werk, das aufgrund des stalinistischen Antisemitismus nach der Fertigstellung 1948 für Jahre in der Schublade verschwand und eine spannende Geschichte hat, die man leider im Booklet nicht erfährt. Bei der feinfühligen und stimmlich überzeugenden Darstellung durch die Sänger Evelina Dobraceva, Marina Prudenskaya und Vsevolod Grivnov macht das Zuhören vor allem deswegen Freude, weil man hier eine neue Handschrift des Komponisten in hervorragender Interpretation zu hören meint. Schade allerdings, dass das Festival und die Gohrisch-Geschichte im Booklet sehr im Vordergrund steht. Zu den Werken und Komponisten erfährt man so gut wie gar nichts, doch gerade Zuhörern, die etwa Mieczysław Weinbergs Musik nicht kennen, sollte man doch wenigstens einige Informationen an die Hand geben. Diese Aufgabe sollte man bei künftigen Aufnahmen beherzigen, die – so hört man – bereits in Arbeit sind.

  • „Michail Jurowski in Gohrisch“ – Werke von Schostakowitsch, Pärt, Weinberg – Sächsische Staatskapelle Dresden, Leitung Michail Jurowski, Berlin Classics 2017
  • Schostakowitsch-Tage Gohrisch

Published in Rezensionen

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