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Klassisch betont, Neues im Gepäck

Jubiläumskonzert der TU-Kammerphilharmonie in der Dreikönigskirche

Man möchte ja eigentlich glauben, die Studenten hätten heute in ihrem engmaschig gestrickten Studium genug zu tun, um den eigentlichen Stoff und die damit verbundenen Anforderungen zu schaffen. Doch dazu gehört auch ein Ausgleich – beispielsweise ein inspiratives oder motivierendes Hobby wie die Musik. In schöner Konstanz erfreuen uns daher seit nunmehr zwanzig Jahren gleich zwei sinfonische Ensembles der Technischen Universität Dresden mit halbjährlichen Konzerten, wobei die Bezeichnung „TU-Kammerphilharmonie“ nur mehr noch ein Deckmantel zur Unterscheidbarkeit der Ensembles ist, zumindest, was die Größe angeht. Dass in der Kammerphilharmonie ein höherer Anspruch des Musizierens steckt, ist in den Programmen zwar derzeit nicht zu erkennen, denn das große TU-Sinfonieorchester darf ebenso „zulangen“. Sei es drum, auf diese Weise kommen die Zuhörer nun (mindestens) vier Mal im Jahr in den Genuss wunderbarer Programme aus studentischer Hand.

Zum Jubiläum der Kammerphilharmonie wagte man sich mit Brahms und Beethoven an bekannte Klassik, deren Ausführung für ein Laienorchester aber nie zu unterschätzen ist. Zudem stand mit den „Verwandlungen“ des Dresdner Komponisten, Pianisten und Kontrabassisten Maximilian Otto ein ganz neues Stück auf dem Programm. Von solchem Engagement wünscht man sich gerne mehr, ist doch Otto in seiner Generation fast auf Augenhöhe mit den Studenten. Doch bei zwei Projekten im Jahr ist die Werkwunschliste sicher lang. Um so erfreuter war man über diese klangschöne und frische Interpretation der „Verwandlungen“, ein Stück, das gar nicht einmal schwierig zu erschließen war. Zwar arbeitete Otto mit interessanter, klanglich geschärfter Harmonik jenseits der Tonalität, gerade der Formbereich war jedoch sehr klassisch gehalten und mit mehreren ohrenfälligen Motiven konnte man dem zumeist polyphon sich von Steigerung zu Steigerung vortastenden Werk gut folgen. Für den jungen Komponisten, der sich auch selbst am Bass einbrachte, gab es ebensoviel Applaus wie für das Orchester, das unter Leitung von Filip Paluchowski schon hier gut zu tun hatte, um die Klangdichte in der schwierigen Akustik der (übrigens bis auf den letzten Platz besetzten) Dreikönigskirche gut darzustellen. Transparenz und Luftigkeit räumte Paluchowski daher den folgenden „Haydn-Variationen“ von Johannes Brahms eine Priorität ein, und der Dirigent gab hier viele spontane Hinweise, um die richtige Balance und den passenden Charakter in den kurzen Variationen zu finden – mit Erfolg, denn die Musiker des Ensembles reagierten konzentriert und zumeist pfeilschnell.

Eine gute Einstudierung, die zu einem homogenen Miteinander führt, ist schon fast selbstverständlich bei der Kammerphilharmonie. Sie kam auch der Interpretation der 6. Sinfonie F-Dur, der „Pastorale“ von Ludwig van Beethoven zugute. Etwas mehr Ruhe im Tempo gerade in den Motiv-Übergängen hätte dem 1. Satz allerdings genützt, hier forderte Paluchowski sehr viel, bekam auch sehr viel, aber die richtige Schwingung wollte sich noch nicht einstellen. Sehr schön ausgespielt war hingegen der 2. Satz, während der dritte mit seinen ländlichen Tanzassoziationen gleich davonstürmen wollte. Mutig und gewaltig formte das Ensemble dann die Gewitterszene als Höhepunkt der ganzen Sinfonie und auch der erleichternde Ausklang im letzten Satz gelang hervorragend. Beeindruckend war zu verfolgen, wie die jungen Musiker die keinesfalls leichten Aufgaben in der Führung mit einem Motiv oder in rasanten Sechzehntel-Begleitfiguren mit Bravour lösten. Dass es dann doch manchmal zu akademisch „ordentlich“ klang, lag vermutlich an der klassisch betonten Werkauswahl, und statt einer auch im Programm abdruckbaren, überlangen Rede hätte man sich zu Beginn einen temperamentvollen sinfonischen Einstieg gewünscht – der kommt dann hoffentlich zur Vierteljahrhundertsfeier!

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