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Ein Festival mit Strahlkraft

Traditionell steht am Ende des Moritzburg Festivals das Oktett von Felix Mendelssohn Bartholdy auf dem Programm in der Schlosskirche Moritzburg. Und ebenso traditionell gibt es für diese Vorführung, stellvertretend für das ganze Festival, stets stehende Ovationen – so auch diesmal.

Es ist vermutlich das schönste Déjà-vu, das man im Spätsommer in der Landschaft von Moritzburg haben kann. Fast möchte man Legenden in die Welt setzen, dass Felix Mendelssohn doch beim Anblick der Seen, der saftigen, Früchte tragenden Felder und Gärten ganz sicher sein Oktett Es-Dur hier geschrieben haben muss. Das ist nicht ganz richtig, aber zumindest inspirierte den 16-jährigen „Luft im Laub und Wind im Rohr“ zur Komposition des Scherzos, und das Oktett wurde in einer (Berliner) Sonntagsmusik uraufgeführt. Unbeschwertheit, luftiges Schweben und trotzdem fast sinfonische Attitüde prägen das Werk, das traditionell zum Abschluss des Moritzburg Festivals in der Schlosskirche erklingt. Keineswegs war es diesmal, zum 25. Jahrgang, von besonderem Pathos durchweht, stattdessen – erneutes Déjà-vu – lebte es wieder einmal von den ganz individuellen, lebendigen Zutaten seiner wechselnden Interpreten, diesmal vor allem vom Konzertmeister Ning Feng ausgehend, der gleich den ersten Takten spritzige Freude verlieh, aber auch im Verlauf des Stücks immer wieder als treibende oder mäßigende Kraft fungierte.

Das funktionierte alles ganz hervorragend, weil alle acht Musiker mit ihren Ohren in jedem noch so kleinen Tremolo präsent waren. So gelangen vor allem die leisen Passagen im Scherzo fantastisch und die fugati-Einsätze im letzten Satz wurden wie Bälle von einem zum anderen geworfen. Zuvor hatte es eine empfindsame musikalische Einleitung gegeben, in der sich möglicherweise der satte Schmerz über das Ende des schönen Sommerfestivals Bahn brechen durfte: Gustav Mahlers berühmtes „Adagietto“ erklang in einer interessanten Kammermusikfassung für Streicher und Harfe des Dresdner Dirigenten und Komponisten Manfred Grafe, Astrid von Brück (Harfe) und die neun Streicher sorgten hier für einen voluminösen Klang, in dem sich aber Melodie und Fluss natürlich verhielten und gottlob wenig Platz für Krokodilstränen blieb.

Erheiterndes konnte man in diesem Konzert beim Studium des Programmheftes feststellen, das vermeldete, Mozart habe mit seinem Klavierquintett Es-Dur KV 452 1824 in Wien Erfolge gefeiert. Da war der Komponist allerdings schon dreißig Jahre tot. Nun gut, der Erfolg hält auch ohne seine körperliche Präsenz bis heute an, erst recht, wenn ein so außergewöhnliches und doch durch und durch mozartisches Werk wie dieses Quintett mit vier Bläsern von einer Riege Musiker interpretiert wird, die man in dieser Formation seltenst erleben mag: Céline Moinet (Oboe), Wenzel Fuchs (Klarinette), David Seidel (Fagott), Felix Klieser (Horn) und Lise de la Salle (Klavier) sorgten dafür, dass noch die unauffälligste Wendung in einem harmonischen Übergang genügend musikalischen Atem erhielt – eine Vergoldung fürwahr.

Somit fasste das Abschlusskonzert noch einmal zusammen, wofür das Moritzburg Festival seit 25 Jahren steht: Kammermusik par excellence, immer wieder neu und lebendig „live“ entstehend. Dafür dankte auch das treue Publikum mit tosendem Beifall. Im Jubiläumsjahrgang konnte das Moritzburg Festival in insgesamt 14 Konzerten sowie zwei Porträtkonzerten, zwei Komponistengesprächsrunden, drei öffentlichen Proben und einem Gastkonzert in Bad Elster 6500 Besucher begrüßen – die fest etablierte Moritzburg Akademie mit 50 höchst talentierten jungen Musikern aus 19 Nationen zählte dabei ebenso zu den Höhepunkten wie die Begegnungen mit dem diesjährigen Composer-in-Residence Sven Helbig. Festivalchef Jan Vogler freut sich bereits auf Zukünftiges: „Die Moritzburg-Idee ist lebendig und vital und strahlt mit Kraft in die Musikwelt.“ – Das 26. Moritzburg Festival wird vom 11.-26. August 2018 stattfinden.

Foto (c) Oliver Killig

Published in Rezensionen

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