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Nicodé-Wiederaufführung im Dresdner Kulturpalast

Musik des viktorianischen Englands trifft auf ein Langebrücker Genius: Jean Louis Nicodé war als Dirigent einer der Gründerväter der Dresdner Philharmonie. Als Komponist schuf er eine Sinfonie, deren Ausmaße die kolossale Sinfonik von Mahler und Strauss übertrifft: 180 Musiker sorgten am Sonnabend im Kulturpalast unter Leitung von Wolfgang Hentrich für ein außergewöhnliches Klangereignis.

Wenn man von einer Jahrhundert-Rarität spricht und im selben Satz aufklären muss, dass genau das den Umstand bezeichnet, dass eine Musik über 100 Jahre einen Bibliothekenschlaf schlummerte, dann stimmt das nachdenklich. Um so erfreuter ist man, dass Dresden Musiker von Rang besitzt, die solche Schätze zumindest zwischenzeitlich vom Dauerschlaf befreien, und nicht selten ist ein Werk von Weltrang darunter oder erlangt diesen (erneut) durch seine klingende Renaissance. Genau eine solche wurde am Wochenende dem Dresdner Komponisten Jean Louis Nicodé (1853-1919) zuteil, einem der Gründerväter der Dresdner Philharmonie und einem wichtigen Dirigenten des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Auf den Komponisten Nicodé hatten sicherlich die von ihm in Dresden oft erstmals präsentieren Werke eines Richard Strauss etwa gehörigen Einfluss. Nach Langebrück zog er sich – nachdem Konkurrenzdruck und Unbill in der Musikszene der Stadt seine Ambitionen nicht befriedigte – zum Komponieren zurück. Und er schuf Großes, gar Gigantisches, das zwar ebenso Eremitisches atmet wie auch das eingesogene Selbstbewusstsein eines Straussschen „Heldenlebens“ oder Mahlers 3. Sinfonie, deren Uraufführung Nicodé 1902 beiwohnte.

Nicodé, das beweist die Wiederaufführung des Finales namens „Der neue Morgen“ aus seiner zweieinhalbstündigen Sinfonie „Gloria! Ein Sturm- und Sonnenlied“ überhöhte das Pathos dieser Werke noch, dringt aber vom Programm und Text her eher in Skrjabinsche Sphären des göttlichen Mensch- und Künstlerseins vor. Dieser Musik, die sich zuweilen chromatisch verliert, aber auch das Experiment eines Vogelkonzertes mit Trillerpfeifen nicht scheut, folgten die Zuhörer am Sonnabend völlig fasziniert. Mehr noch: Das am Ende mit Recht stark bejubelte Ereignis fand ja nicht im Abonnementkonzert der Philharmonie statt, sondern war das Jahreskonzert des Fördervereinsorchesters unter Leitung von Wolfgang Hentrich – allerdings für Nicodé mit zwölf ehemaligen Philharmonikern, weiteren Aushilfen, Philharmonieprofis und natürlich dem philharmonischen Chor samt das „winkende Wonneland“ einleitenden Knaben-Solisten verstärkt. Hentrichs Engagement für Nicodé könnte ein wichtiges, bislang wenig aufgearbeitetes Kapitel der Dresdner Musikgeschichte einleiten – es hat ja schließlich Gründe, das Strauss „seine Dresdner“ so gern besuchte, und nicht nur von Nicodé gilt es noch einiges wiederzuerwecken.

Der Finalsatz selbst ist eine komponierte Aurora und fügt sich damit ein etwa in das Sonnen-Finale der „Gurrelieder“ von Arnold Schönberg – bloß gut, dass Nicodé die damals aufkommende Freikörperkultur oder rhythmische Gymnastik nicht auch noch im Werk verewigte, sonst hätte der um den Herren des Chores des Bischöflichen Gymnasiums verstärkte Philharmonische Chor noch mehr zu tun gehabt, als des „Seligsten Höhenfrieden“ auszugestalten. „Heißestes Sehnen“ erklang auch aus dem mühelos sich aus Laien und Profis vereinigendem Fördervereinsorchester, für plastischen Naturklang sorgte Isabel Kern mit zwei ausladenden Englisch-Horn-Soli. Schließlich verstärkte auch Holger Gehring an der Kulturpalast-Orgel das dröhnende „Gloria!“-Finale, nachdem er zuvor zwei Soloauftritte hatte – das Konzert war gleichzeitig im Benefizgedanken das letzte, dessen Erlös dem Instrument zugute kommt.

Edward Elgars „Angel’s farewell“ bot einen passenden Gruß in die britische Oratorientradition dieser Zeit, Transkriptionen für die Orgel waren üblich. Die von Gehring ziemlich unruhig dargebotene Wiederentdeckung eines lärmend-platten Präludiums des Dessauer Komponisten Richard Bartmuß (1859-1910) fügte sich jedoch nicht so ganz in die ansonsten guten Interpretationen des Abends. Auch im ersten Teil huldigte man dem Wiederentdeckungsgedanken: die viktorianische Spätromantik eines Ralph Vaughan Williams ermöglichte erste Schritte, um die Musikschätze der Renaissance zu heben – die im Konzert eingegangene Verbindung mit Thomas Tallis Motettenkunst war einfühlsam und höchst genussvoll, denn der Philharmonische Chor beeindruckte durch eine sensible, differenzierte Gestaltung dieser Musik, die 40-stimmige Motette „Spem in alium“ erklang allerdings an dieser passenden Stelle nicht.

Schade, dass die einleitend vorgestellten Bearbeitungen Haßlerscher Canzoni, erstellt und dirigiert von Philharmonie-Oboist Guido Titze, nicht ebensolche Raumwirkungen ausnutzte wie Vaughan Williams „Fantasia on a Theme by Thomas Tallis“, schön ausgeführt waren sie in jedem Fall. Und der Streicherserenade von Elgar hätte es angesichts der kommenden Höhe-Höhepunkte eines Nicodé nicht mehr bedurft – sie stand einsam unter den leuchtenden Sonnen des Langebrücker Genius. Um im Jargon zu bleiben: „Ahnung fasst mich“, dass eifrige Kopisten bereits die verbleibenden fünf Sätze der unglaublichen „Gloria!“-Sinfonie sichten…

 

Published in Dresden Rezensionen

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