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Alles. Alle. Falle.

In der Oper Frankfurt wurde die Oper „Der Mieter“ von Arnulf Herrmann uraufgeführt

Es ist ein Kreuz mit dem Wohnungsmarkt. Umziehen wird zur Farce, wenn man es mit kruden Vermietern oder unhaltbaren Zuständen des Objektes zu tun bekommt. Dass das Gegenstand einer Oper wird, ist neu, das Ergebnis: frappierend unterhaltsam und gelegentlich auch schockierend, was die Unterhaltsamkeit aber keinesfalls schmälert. Die Vorlage ist durch die Verfilmung „The Tenant“ (1976) von Roman Polanski berühmt geworden, der Autor Roland Topor allerdings nicht. Doch gerade dessen geräuschsensibler Text hatte es dem Komponisten Arnulf Herrmann (*1968 in Heidelberg) angetan. Herrmann, der in den 90-ern auch eine Zeitlang an der Dresdner Musikhochschule bei Wilfried Krätzschmar studierte, ist seit 2014 an der Saarbrücker Hochschule in der Professur für Komposition Nachfolger von Theo Brandmüller. Seine Impulse und Einflüsse, die er u. a. auch bei Lehrern wie Gerald Grisey, Hanspeter Kyburz und Friedrich Goldmann empfing, verschmolz er zu einem ebenso markanten wie vielschichtigen eigenen Kompositionsstil.

Im neuen Werk nun gehen Text, Musik und Szene eine heutzutage selten zu erlebende Verbindung ein, wobei alle Ebenen voneinander profitieren: das Libretto von Händl Klaus schillert in der Komposition, die Szene achtet und beachtet die Musik und kann auch neben ihr mühelos ohne Widerspruch existieren. Die Handlung ist schnell erzählt: ein Mieter zieht in eine Wohnung ein, in welcher sich die Vormieterin das Leben genommen hat. Dem neuen Mieter droht, das wird schnell klar, ein ähnliches Ende – die Nachbarn starten sogleich den Druck auf den Zeitgenossen, der sich eigentlich nichts zu Schulde hat kommen lassen. Und auch die Vormieterin Johanna läßt ihm keine Ruhe, den Sprung aus dem Fenster kostet Herrmann am Ende nahezu zu einem eigenen Akt der ansonsten in 23 Szenen mit zwei  Zäsuren durchlaufenden, knapp zweistündigen Oper aus. Neben dem absolut bühnentauglichen und hochmusikalischen Text von Händl Klaus ist es vor allem immer wieder die Regie von Johannes Erath, die die Oper in einen saftigen Thriller verwandelt und nur im letzten Drittel zu Herrmanns in alle psychologischen Richtungen ausgeweideter Suizidszene nicht mehr ganz mitgehen kann. Bis dorthin weiß der Zuschauer noch nicht, was er eigentlich sieht.

vorne Alfred Reiter (Herr Zenk; stehend) und Björn Bürger (Georg; liegend und in der Projektion) sowie im Hintergrund Philharmonia Chor Wien

Das leichte Schwanken in der Rezeption ist volle Absicht und wird ebenso genüsslich umgesetzt: ist das eine Komödie, eine Horror-Farce oder eigentlich eine Tragödie? Wo ist innen und außen, und wer sind wir, wenn wir da tatenlos zuschauen? Wenn der unglaublich gute Bariton Björn Bürger (Georg) am Ende wie einst Floria Tosca am Seil aus der Obermaschinerie baumelt, ist er zwar Opfer der Geister, die die Nachbarn riefen und die er nun nicht mehr los wird. Allerdings öffnet Herrmann mit der Einfrierung der Sprungszene und der Verwandlung des Mieters in seine Vormieterin (et retro) gleich noch mehrere Pandorabüchsen. Das tut dem Werk nur bedingt gut, denn als klar ist, dass der Mieter aus der Bedrängung (hervorragend durch Bühne, Video und Chor gelöst) der Nachbarn nicht mehr herauskommt, wäre eigentlich die Handlung zu Ende. Herrmann allerdings schichtet darauf einen Epilog, der wie ein einzigartiges Verschlucken der Oper selbst und wie eine Diagnose wirkt, ohne dass am Ende die Therapie präsentiert würde. „alles falle“ ist die fahle Erkenntnis am Ende, nachdem auch musikalisch das Letzte gesagt wurde und ein Orchesterzwischenspiel den Zuhörer („ZU LAUT!“ keift auch der innere Nachbar…) noch einmal wie eine Billardkugel umherschleudert.

Auch hier begibt sich Herrmann in die Genussextremlage: alle Möglichkeiten und Stilmittel des Orchesters des 21. Jahrhunderts auskostend, hören wir in „Der Mieter“ vor allem eine Musik, die sich (inklusive lautem und leisen Klopfen, Tropfen und Knacken im Publikumsraum) verkantet, verbohrt, dreht und schwankt, als ob ein geheimer Code zu knacken wäre. Doch diese eklatant professionelle, auch manches Mal eiskalte Mischung aus Wahn und Sinn ist in den Klängen eben gänsehautverursachend, wirkungsvoll, aber stets originell, weil in den orchestralen Kombinationen Sorgfalt waltet. Das Frankfurter Opern- und Museumsorchester unter Kazushi Ōno begeistert zwar mit Vollkonzentration und emotionaler Hingabe gerade in kammermusikalischen Passagen, kann aber natürlich in einem akustisch unbefriedigenden Haus respektive Sanierungsfall nur bis zu bestimmten Grenzen wirklich Musik machen. In der 18. Reihe versteht man Streicherpassagen nicht, klingen Bläser gedeckelt und Verstärkungsversuche konstruiert. Und doch entdeckt man in der Partitur feine Dinge: das fängt bei einer ausdruckslos umherkreisenden Soloklarinette an, setzt sich über knackig ins Ohr bohrende Spektralakkorde im Tutti fort und endet bei einem angetrunken über Meer und Berge schwadronierenden Party-Chor bei der Einweihungsfeier des Mieters. Der für die Produktion eingeladene Philharmonia Chor Wien (Einstudierung Walter Zeh) glänzt als konsequent ekliger Schicksalsbeschleuniger, Geisterchor aus dem Off und Staccato-Biertrinkertruppe.

Anja Petersen (Johanna; in der unteren Bildmitte stehend) und Philharmonia Chor Wien

Das Bühnenbild von Kaspar Glarner berücksichtigt die Ebenen der Erzählung ebenso wie den „Film im Kopf“, die Kostüme von Katharina Tasch überhöhen nur wenig, am Ende sagen sie: es könnte jeder sein. Und genau das ist das Gefährlich-Bösartige an dieser Story. Aus Freund wird Feind, und selbiger wedelt schon mit den Unterschriftsbögen der Denunziation. Horror! Und nur am Anfang traut man sich noch leise zu schmunzeln, denn Herrmann bekommt die kafkaeske Verdichtung und das Kehle-zu-schnüren auch zeitdramaturgisch wunderbar hin. Dafür hat er an der Oper Frankfurt ein tolles Sängerensemble zur Verfügung, allen voran Björn Bürger (Georg, der Mieter) und der strömend-helle Sopran von Anja Petersen (als Gast), deren irisierende Johanna ein Maximum an Stimmfarben und dazugehöriger Technik erfordert, die sie mit engelsgleicher Lockerheit präsentiert – das muss ein Geschenk für jeden Komponisten sein. In weiteren Rollen überzeugen Alfred Reiter, Hanna Schwarz, Claudia Mahnke und Judita Nagyová, wobei allen Sängern auch tolles Schauspiel gelingt, denn Erath versetzt auch die Szene in der Kneipe nebenan in einen Horrorladen. Die Tasse dreht sich unablässig auf dem Kellnertablett, und es wird verdammt nochmal heiße Schokolade getrunken, die Vormieterin hat sie ja schließlich auch gemocht! Wenn man am Ende aus der Oper mit leichtem Grauen und dem Satz „Um Gotteswillen!!“ auf den Lippen heraustritt, dann ist das nicht dem neuen Werk geschuldet, sondern deswegen, weil man diese Szenerie seinem ärgsten Nachbarn nicht wünscht – na gut, vielleicht insgeheim in besonders bösen Momenten doch – und genau da liegt die Kraft dieser verrückten, unheimlich gut gemachten und von allen Akteuren mit viel Liebe fürs Detail dargebotenen Oper.

Weitere Vorstellungen: 16., 18., 24., 29. November sowie 2. und 7. Dezember, Oper Frankfurt

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Fotos (c) Barbara Aumüller

 

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