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Dem Verschwinden nachspürend

3. Kammerabend der Staatskapelle Dresden stellt den Komponisten Mark Andre vor

Fast sinfonische Ausmaße nimmt der 3. Kammerabend der Sächsischen Staatskapelle ein, wenn man sich allein den Besetzungszettel anschaut, und doch wird es – vom Duo bis zum Kammerensemble – auch um leiseste Nuancen der Musik gehen. Der erste Teil des Konzertes ist zwei Werken des in Dresden lehrenden deutsch-französischen Komponisten Mark Andre (*1964) gewidmet. Andre studierte in Paris und Stuttgart, war Schüler u. a. von Helmut Lachenmann, der ihn wesentlich zu eigenem Schaffen inspirierte. 2002 erhielt Andre den Förderpreis der Ernst von Siemens Stiftung, er ist Mitglied der Akademien der Künste in Berlin, München und Dresden und lehrt seit nunmehr neun Jahren Komposition an der Dresdner Musikhochschule. Regelmäßig ist er zu Gast bei den bedeutenden Neue-Musik-Festivals in Deutschland, so etwa in Darmstadt als Komponist und Dozent, ebenso bei den Donaueschinger Musiktagen.

Erst im letzten Jahr wurde er mit dem sehr bedeutenden Kunst- und Kulturpreis der deutschen Katholiken für sein Werk ausgezeichnet. Die Jury kürte einen „Avantgardisten, der nicht nach Gefälligkeit, Popularität oder gar Marktförmigkeit schielt“. „Andre weiß sich einzig der Suche nach dem anderen, dem neuen Klang verpflichtet und scheut vor dem Experiment nicht zurück.“ Erstmals interpretieren nun Musiker der Staatskapelle Dresden Werke des Komponisten und setzen damit eine orchesterinterne Initiative fort, Aufführungsmöglichkeiten neuer Musik in den Kapellkonzerten zu erkunden. Die Kammerabende bieten einen inspirativen Raum, leidenschaftlich „im Off“ erarbeitetes Repertoire einem interessierten Publikum vorzustellen.

Erneut ist es der Kontrabassist Petr Popelka, der wesentlichen Anteil am Zustandekommen des heutigen Programms hat, er wirkt gleich in dreifacher Funktion am Bass, am Klavier und als Dirigent mit und initiierte die Andre-Aufführungen nach einer ersten Begegnung mit dem Komponisten beim Lucerne Festival. Mark Andre zeigt sich am Montag während der Proben hocherfreut über die Zusammenarbeit und betont besonders die Sensibilität und Offenheit, die die Musiker gegenüber seiner Musik zeigen. Das sei bei einem Orchester, das in Oper und Konzert durchaus anderes Repertoire zu spielen gewohnt sei, nicht selbstverständlich. Gerade diese Erfahrung bringe aber auch eine andere Klanglichkeit in die Interpretationen ein, die es von einem Spezialensemble für neue Musik unterscheide, so Andre im Gespräch. Obwohl die beiden Stücke „E2“ und „Riss 1“ in der Besetzung sehr verschieden sind, eint sie die Thematik des Übergangs, des Verschwindens. Besucher des Kammerabends werden sich auf eine besondere Atmosphäre der Stille und der Klangerkundung freuen dürfen, denn Mark Andres Augenmerk in vielen Werken sind Zwischenräume und genau die Zustände zwischen Klang und Stille, wo etwas Neues, Spannendes entsteht – mit der Erfahrung des Vergangenen im Blick, aber auch dem noch nicht Ergründeten vor uns.

Auch unser Gespräch nimmt bald eine solche Wendung, und in Sprechpausen wird weitergedacht, nachgespürt, fast musikalisch kann auch ein Gespräch über Mark Andres Musik enden, lediglich die Gesprächsfülle der mittäglich gefüllten Hochschulmensa legt eine Glocke aus Stimmgeräuschen über unseren Dialog. In Zwischenräumen der Musik unterwegs zu sein, erfüllt den Komponisten, doch seine Stücke erzählen noch einiges mehr. Meist sind sie inspiriert von biblischen Themen, nehmen eine Wendung, ein Ereignis, einen Vorgang wie durch ein Brennglas genau in den Blick. Das erst 2017 uraufgeführte Ensemblestück „Riss 1“ wendet sich dem – zugegeben grandiosen – Übergang des 7. Tags der Genesis zu, dessen Stille, Einkehr, aber auch die Segnung dieses Tages Mark Andre beleuchtet. Der Titel sei für ihn keineswegs negativ konnotiert – Andre erinnert an die Teilung des Meers bei der Taufe Jesu oder an den Tempelvorhang in der Passion: der Riss als Symbol, als Zeit-Zeichen eines Übergangs. „E2“ für Cello und Kontrabass wiederum sei die Komposition eines Energiestroms, der für Andre im Verschwinden des wiederauferstandenen Jesus beim Emmaus-Abendmahl hervorscheine, wie überhaupt Andre im Gespräch die klanglichen Qualitäten des Evangeliums immer wieder betont – ein kompositorisches Lehrwerk gar?

Für Andre scheint diese Deutungsebene absolut existenzell. Komposition beginne schon im Augenblick der Betrachtung eines Keimes, eines einzelnen Tons oder Geräuschs, so Andre. Manchmal höre er seiner eigenen Musik bei der Entfaltung zu, und genau diesen wichtigen Raum gesteht er auch seinen Zuhörern ein. Nicht Wissen und Intellektualität sei für seine Musik bedeutsam, sondern schlicht Aufmerksamkeit. Zwischen den beiden Stücken von Mark Andre ist im Kammerabend ein Stück seines Lehrers Helmut Lachenmann platziert. Die „Sakura-Variationen“ für Altsaxophon, Schlagzeug und Klavier könnten einen Schatten-Klangraum für Andres Erkundungen bilden. Das im Jahr 1900 entstandene, großformatige Oktett des Rumänen Georges Enescu wird dann im 2. Teil des Konzertes einen spannungsvollen, kaum weniger bedeutendsamen Kontrast formen.

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