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Teestunde mit donnernden Oktavläufen

Martha Argerich und Lilya Zilberstein im Duo-Rezital im Kulturpalast Dresden

Nein, lassen wir das mit den Superlativen. Und auch nettgemeinte Höflichkeiten wie „Grande Dame“ oder „Titanin“ beschreiben nur ungenau Kategorien, die die argentische Pianistin Martha Argerich ohnehin nicht nötig hat – ihr Spiel ist einzigartig und sie zählt zu den wenigen Pianisten von unbestrittenem Weltrang. Argerichs Auftritte sind rar, und solistisch tritt sie seit einigen Jahren nicht mehr auf. Trotzdem ist sie im Klavierduo, in der Kammermusik und gelegentlich auch bei Orchesterkonzerten mit ihren 76 Jahren noch sehr aktiv. Mit ihrer langjährigen Duopartnerin, der russischen Pianistin Lilya Zilberstein, konzertierte sie am Donnerstagabend im ausverkauften Kulturpalast in der Reihe der Palastkonzerte der Dresdner Musikfestspiele. Nur drei Stücke standen auf dem Programm des Konzerts; mit Schumann, Liszt und Rachmaninov hatten sich die beiden Pianistinnen keine leichte Kost ausgesucht.

Die Pianistinnen Martha Argerich und Lilya Zilberstein bei den “ Palastkonzerten “ der Dresdner Musikfestspiele im Kulturpalast Dresden. Foto: Oliver Killig

Ein äußerlich-bequemes Abendamusement sahen Argerich und Zilberstein für dieses Rezital nicht vor, das verdeutlichte sogleich die Interpretation der Schumannschen „Studien für den Pedal-Flügel“. Was Schumann für die fasziniert von ihm selbst genutzte Heimorgel (einem Flügel mit Pedalmanual) komponierte, transkribierte Claude Debussy später sehr behutsam auf zwei Flügel, denn das kuriose Instrument war da schon ein Fall für’s Museum. Viel Ruhe und Übersicht strahlte die Spielweise der beiden Pianistinnen aus, man bekam fast das Gefühl einer räumlichen Interpretation, weil die Musik wie konzentrische Kreise im Wasser erschien: eine sanfte, sinneschärfende Schumann-Welle war das da in den sechs Stücken, die sich selten im virtuosen Überschwang ergehen, vor allem die Kunst der Phrasierung zählt hier. Und da bewegten sich Argerich und Zilberstein völlig auf Augenhöhe. Nicht impulsive Momentgestaltung war zu beobachten, sondern ein Unterwegssein im sicheren, vertrauten Terrain, manches Gold aus den Tasten hervorzaubernd, im Scherzo des 5. Satzes mit Sanftheit ebenso brillierend wie in dem abschließenden Adagio, das über dem Boden zu schweben schien.

So hätte es auch weitergehen können, doch die beiden hatten an diesem Abend noch zwei pianistische Gipfel zu erklimmen. Zunächst lag das „Concerto pathétique“ von Franz Liszt auf den Flügeln, und da wird nicht nur dem Notenleser schwarz vor Augen. Liszt hält sich nicht lange mit vollgriffigen fortissimo-Motiven auf – es folgt seitenweise aufgetürmt nahezu alles, was Mitte des 19. Jahrhunderts in der Virtuosenliteratur en vogue war. Diese etwas zu offenherzige Supermarktauslage von Oktavläufen, Trillern und chromatischem Donnerblendwerk ist nicht unbedingt ein Renner in den Konzertsälen, jedoch hörten man Argerich und Zilberstein trotzdem fasziniert zu: so ernst und natürlich, wie sie sich Schumann näherten, so nüchtern-professionell holten sie sich Liszt „ins Boot“, sauste Argerichs linker Arm ebenso völlig selbstverständlich mit tief in die Tasten gehender Kraft zur Themenbegleitung im Bass herunter wie Zilberstein rasante Arpeggien auskostete. Das glänzte und funkelte, und mehr als einmal blieb einem wörtlich die Spucke weg, nicht nur wegen der Frechheit von Liszts Komposition, sondern weil die beiden Damen dieses Vierhandungetüm quasi wie zur Teestunde auftischten.

Nach der Pause gab es noch ein weiteres mächtiges Tortenstück, um im Bild zu bleiben, und es wurde sogar noch etwas pathetischer, denn da hatte sich Sergej Rachmaninow doch glatt selbst seine „Sinfonischen Tänze“ vom Orchester auf zwei Klaviere „zurückkomponiert“ . Was der Farbpalette keinen Abbruch tut, wenn sich zwei Expertinnen wie Argerich um Zilberstein darum kümmern. Und auch wenn die beiden im forte wirklich das Letzte aus den beiden Flügeln herausholten, es war immer noch faszinierend zu beobachten, wie Ruhe und Überlegenheit niemals wichen, Argerich in der Pause sogar dem Umblätterer der Noten einen milde lächelnden Seitenblick schenkte, als wolle sie kurz ihre eigene Faszination an dem großen Rachmaninow-Werk mitteilen. Dass Schwere und Leichtigkeit eine ganz eigene Verbindung in der Musik eingehen können, war die wohl interessanteste Botschaft dieses Abends, und zwei hinreißend perlende Zugaben von Tschaikowsky (Tanz der Zuckerfee aus dem „Nussknacker“-Ballett) und Milhaud („Brasileira“ aus der Scaramouche-Suite) bestätigten, dass Martha Argerich und Lilya Zilberstein uns eigentlich nur ganz bescheiden an ihrem wunderbaren, freudig-freundlichen Zugang zur Musik haben teilhaben lassen an diesem Abend. Was diese wieder einmal um so wertvoller erscheinen läßt.

Lilya Zilberstein, Martha Argerich – Foto: Oliver Killig

 

 

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